80-Stundenwochen, Mythos oder Realität?

TheCurious 08.03.14 19:13

Hallo,

die im Betreff genannte Frage treibt mich schon etw. länger um und in den letzten Wochen wieder akut. Im erweiterten Bekanntenkreis treffe ich oft auf Wirtschaftsprüfer, Banker und Unternehmensberater (durch die Bank Betriebswirte). Viele davon erzählen dann von ihren 60h ,70h oder 80h (!!!) Wochen.

Wenn ich ehrlich bin, muss ich dann immer ganz schön schmunzeln. Bei mir ist es so: wenn ich 11 Stunden auf der Arbeit bin (7:30 bis 18:30), geht min. 1 Stunde für essen drauf (Mittagspause + Snacks). Die restlichen 10h arbeite ich aus meiner Sicht recht produktiv (was bedeutet, dass realistisch betrachtet in der Summe ca. 8h wirklich konzentriert gearbeitet wird). Je nachdem was ich gemacht habe, bin ich danach wirklich platt und zwar teilweise so, dass ich auf dem Heimweg kaum in der Lage bin Nachrichten zu lesen. Am Samstag mach ich oft auch noch 2-3h. Also in der Summe nominell etw. mehr als 50h. Und das ist empfinde ich schon als verdammt viel!

Bevor jetzt jemand etwas von Low-Performern erzählen möchte: es hat gereicht, um mein Elektrotechnikstudium an einer TU als Jahrgangsbester abzuschließen und dabei noch 15h die Woche als Werksstudent zu arbeiten und bei einer Studentenorganisation mitzuwirken.

12h Tage kenne ich auch, aber das ist dann ein Mischmasch aus fragmentierten Arbeiten wie Meetings, Telefonaten, etc. Muss also gemacht werden, ist aber nicht wirklich fordernd. Wenn ich aber 10h einer geistig wirklich fordernden Tätigkeit (bsp. Programmieren) oder einer Routineaufgabe mit hoher Output-Generation nachgegangen bin, geht danach in der Regel gar nichts mehr!Natürlich kenne ich auch diesen wirklich guten Tage, an denen man 14h konzentriert durchziehen kann. Aber die sind wirklich selten! Kollegen die ich für ihren Fleiß wirklich schätze, sagen mir dass es Ihnen genauso wie mir geht.

Da ich mir nun nicht vorstellen kann, dass in den genannten Berufsruppen alle so viel besser sind, gibt es aus meiner Sicht nur vier Möglichkeiten:

1. Viel Arbeitszeit (gerade in den Abendstunden) wird unproduktiv rumgesessen, um einfach anwesend zu sein.
2. die Aufgaben sind zum großen Teil schlicht nicht besonders anspruchsvoll.
3. bei den Arbeitszeitangaben wird einfach extrem übertrieben.
4. es wird in einem hohen Maße zu Aufputschmitteln gegriffen.

In meinem Bekanntenkreis gibt es zwei Lager, die Ingenieure, die bei der Frage sofort mit BWLer-Bashing anfangen und die entsprechende Gruppe (also Banker, Unternehmensberater und Wirtschaftsprüfer). Daher würde mich mal dritte Meinungen und Erfahrungsberichte interessieren.

  1. ThomasRomming 09.03.14 19:18

    Hallo zurück,

    ich kenne auch diese Leute die von 60 Stunden aufwärts reden. Aber um deiner Frage ein paar Antworten zu geben kannst du dir einige Gegenfragen stellen und diese auch selbst beantworten:

    Wie viele echte Freunde habe Diese und wie oft haben Diese Zeit fürs Privatleben? Rein rechnerisch sind 80 Stunden die Woche runtergebrochen auf 5 Arbeitstage 16 Stunden pro Tag. Gut am Wochenende ist dann Zeit, aber wieviel davon wird efffektiv für Freundchaften verwendet? Die Menschen die ich kenne verwenden den Teil der Zeit für Dinge die dann von Nöten sind wie Einkaufen, Putzen und Schlafen. Sicher man trifft sich acuh mit anderen, aber der von dir angesprochene Ingenieur hat sich er mehr Zeit. Ob die genutzt wird ist eine andere Frage.

    Zweite Frage: Wie lange machen diese Leute durchschnittlich so einen Job. Wenn man hier auf der Seite und anderen die Statistiken ansieht ist die Halbwertszeit in solchen Jobs nicht sehr lange im Vergelich zum Ingenieur. Ich rede hier noch nicht mal vom Raubbau am Körper; jeder von uns hat ja wie du schon erwähnt hast irgendwann sein Limit und ist dann platt. Siche rman kann für eine gewisse Zeit über dem Limit arbeiten, aber irgendwann greift der Körper ein und man zahlt den Preis. Ich habe auch in einem NoTimeLimit Job gearbeitet, teilweise 5 Tage on The Job mal dazwischen wo geschlafen, gegessen und geduscht und dann gings weiter. Geht alles bis zu einem gewissen Punkt und dann hat mein Körper mir gezeigt was er davon hält.

    Frage drei: du hast das Thema "Anspruchsvolle Arbeit" angesprochen. Aus den Erfahrungen die ich gemacht habe ist es schwer so etwas zu differenzieren. Ich kenne Berater die lesen den ganzen Tag Statistiken mit vielen Tabellen und Graphen. Andererseits kenne ich Ingenieure die machen das selbe. Es kommt jetzt nur drauf an was du aus den Tabellen herausziehen willst. Suchst du nur etwas dann ist das mit Hilfe von Excel o.a. Programmen sicher nicht sehr anspruchsvoll und du kannst das auch über stunden machen (da stellt sich nur die Frage der Selbstmotivation), musst du das ganze aber interpretieren sieht das schon anders aus.

    Frage vier: Schau dir mal die Gesellschaftliche Wahrnehmung an: Am besten ist das Beispiel mit dem jungen Studenten der sich in London das Leben genommen hat. Er und seine anderen Kollegen wollten Eindruck machen. Das soll jetzt nicht heissen das deren Arbeit in irgendeiuner Weise schlecht oder sonstwas sein soll. Es ist ein gewisser Leistungs- und Erfolgsdruck in der Branche: Stichwort "Grow or Go" ich sehe das bei Ingenieuren eher weniger. Sicher gibts auch, wenn ein Projekt fertig werden muss aber ist definitiv seltener.

    Ich hoffe ich konnte dir eine andere Meinung liefern. Ich hab mal versucht mich in deine Lage zu versetzen und mir diese Fragen zu beantworten.

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  2. TheCurious 18.03.14 21:19

    Erstmal vielen Dank für den längeren Text. Jetzt gehen die Anregungspunkte aber teilweise in eine etwas andere Richtung als meine Intention war. Mir ging es überhaupt nicht darum, die verschiedenen Berufswelten (Ingenieure vs. BWLer) direkt miteinander zu vergleichen (Stichwort: „Grow or Go“) und ob es sich wirklich lohnt, so einen „NoTimeLimit“ Beruf zu ergreifen (Stichwort: Freundschaften, der Student aus London usw.). Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

    Ich persönlich schließe für mich einfach aus, dass ich über einen längeren Zeitraum in der Lage bin mehr als 60h (geschweige denn 80h) die Woche „anspruchsvoll“ zu arbeiten. Da ich selbst zu den recht guten und ambitionierten Studenten gehört habe, kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass die breite Masse (einzelne sicher) der Berater in der Lage ist, so viel mehr zu arbeiten. Du hast natürlich völlig recht, dass der Begriff „anspruchsvoll“ recht schwammig ist. Leider fällt mir an dieser Stelle auch nichts präziseres ein. Wie gesagt, dass geht aus meiner Sicht bei fragmentierten Arbeiten (mal ein Meeting, dann eine Präsentation vorbereiten, hier eine Mail usw.), aber nicht wenn es geistig wirklich fordernd ist. Da die Beratertätigkeit nun ja oft als die Spitze der Kunst dargestellt werden, weckt das Ganze meine Argwohn.

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  3. chris11 12.03.14 10:20

    Hi,

    ich arbeite selbst gerade als Praktikant in einer dieser Tätigkeiten wo im Durchschnitt mehr als 70 Stunden in der Woche gearbeitet wird. Natürlich darf man das nicht vergleichen mit dem, was die Festangestellten bzw. Seniors zu tun haben aber dennoch sind mir in den ersten Wochen einige Dinge aufgefallen, die du ganz oben schon angesprochen bzw. vermutet hast.
    Es ist tatsächlich so, dass die Aufgaben in den Junior Positionen intellektuell nicht die allergrößte Herausforderung darstellen, sondern schlichtweg erledigt werden müssen (Punkt 2). Hierzu zähle ich bspw. research Tätigkeiten, formatieren oder organisieren. Dafür braucht man dann eher die soft-skills aus dem Studium, die sich als Nebeneffekt ergeben haben, wie z.B. Ausdauer, Disziplin und Motivation.
    Wie du auch in Punkt 1 (richtig) vermutet hast, kann ich für meinen Teil bestätigen, dass es schon auch Leerlauf gibt und man nicht stets mit erhöhter Konzentration tatsälich "arbeitet". Ich würde es lieber als "erledigen" oder einfach "machen" titulieren. Es wird im Büro auch viel gequatscht, Cafe getrunken oder es werden einfach mal lustige Youtube links rumgereicht. Das gehört m.M. alles dazu und hält die Stimmung aufrecht. Unterm Strich ist die wirklich produktive Zeit hier aber genauso lang (oder kurz, wie man will) wie in deinem Beruf - und ich habe Respekt wie du das durchgezogen hast bis jetzt.
    Das ist alles erst der Eindruck von den ersten Wochen meines Praktikums, also eher subjektiv und vielleicht auch naiv. Dennoch kann ich deine Verwunderung voll nachvollziehen, ich habe mich mit der selben Frage beschäftigt bevor ich hier angetreten bin.

    Grüße aus einer Investmentbank Abteilung in Frankfurt


    Edit: Zu dem Kollegen mit der ersten längeren Antwort. Falls du den ehemaligen Merrill Lynch Praktikanten aus dem letzten Jahr meinen solltest. Dieser ist vermutlich an einem epileptischen Anfall beim duschen gestorben und hat sich nicht das Leben genommen. Bitte einfach sachlich bleiben.

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  4. TheCurious 09.03.14 22:05

    k

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  5. TheCurious 18.03.14 21:16

    Auch für diese Antwort vielen Dank (auch wenn es verspätet ist)! Deckt sich also größtenteils mit meinen Vermutungen. An dieser Stelle sei nochmal explizit erwähnt, dass ich trotzdem großen Respekt vor den Leuten habe, die das über einen langen Zeitraum durchziehen, auch wenn es dann doch keine 80h Rocket-Science sind.

    Ich wünsche dir noch viel Spaß bei deinem Praktikum!

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