D-Zug Education

Anonym 14.01.02 00:55

Die Forderung nach einer verkürzten Gymnasialzeit werden immer lauter. Nach Sachsen und Thürigen, sind jetzt auch Bayern und Baden-Würtemberg auf den Zug aufgesprungen und bilden Ihre Einwohner im Schnellwaschgang.

Den nachfolgenden Text habe ich vor einiger Zeit, noch vor der Veröffentlichung der PISA Studie geschrieben und würde gerne eure Meinung dazu erfahren. Einige der Passagen sind aus den Quellen ziemlich wortgetreu übernommne (auch wenn man das nicht machen sollte). Bei Interesse an Quellen zu dem Thema stehe ich für Rückfragen gerne zur Verfügung:D-Zug Education

"23jähriger Softwareingenieur mit mindestens 15 Jahren
Berufspraxis und hervorragenden Kenntnissen in Deutsch,
Englisch, Französisch und Spanisch gesucht.

Idealerweise haben Sie Ihre Erfahrungen im Ausland
gesammelt und verfügen über herausragende
Teamfähigkeit und Führungsqualitäten."

So etwa stellen wir uns den Prototypen des
Mitarbeiters von Morgen von. Was klingt
verlockender als diesem Ideal mit einer
auf 8 Jahre verkürzten Gymnasialzeit
entschlossen entgegenzutreten?

Ohne Frage: unser Bildungssystem steht am Abgrund.
Angesichts dieser Tatsache kann es wohl kaum Sinn
machen, geschlossen hinter diesem System zu stehen
und aus Bequemlichkeit auf den tiefen Fall zu
warten.

"Es gibt einen besseren Weg. Finde ihn!" hat uns
Thomas Alva Eddison schon im 19. Jahrhundert
zugerufen.


- Ist das 12jährige Abitur der Weg dorthin?

Schauen wir uns zunächst einmal in Europa um. Gerne
wird von den großartigen Erungenschaften anderer
Länder geschwärmt und die jungendlich frischen
Gesichter der Berufseinsteiger gepriesen, die
in nur 12 Jahren ihr Abitur erreichen.

Wer genau hinschaut wird enttäuscht werden. In
der Europäischen Gemeinschaft z.B. verleiht streng
genommen nur Belgien die allgemeine Hochschulreife
nach 12 Jahren. Alle anderen EG-Länder mit verkürzter
Schulzeit vergeben nur eine fachgebundene oder
eingeschränkte Hochschulreife nach dieser Zeit. So
müssen vor Aufnahme des Hauptstudiums in Frankreich
häufig so genannte "classes préparatoires" absolviert
werden, in Spanien ein Vorbereitungsjahr, der "Curso
de Orientation Universitaria". Immerhin in vier Ländern
der Gemeinschaft wird die Hochschulreife wie in
Deutschland nach 13 Jahren vergeben.

Außerdem wir etwas ganz Wesentliches in der
öffentlichen Diskussion oft vergessen. Fast alle
Industrieländer mit verkürzter Schulzeit haben
wie z.B. Japan und Frankreich Ganztagsunterricht
oder wie etwa Österreich obligatorischen
Samstagsunterricht.

Schon jetzt erhalten die meisten Schüler in Ländern
mit verkürzter Schulzeit deshalb mehr Unterrichtsstunden
bis zum Abitur als in Deutschland. Beim Unterrichtsvolumen
sind wir mit lediglich 10.500 Vollzeitstunden bis zur
Hochschulreife weit hinter Frankreich mit 12.000
Vollzeitstunden oder gar Japan mit 12.500.

- Opa Studenten

Wem scheint es da verwunderlich, daß unsere
Abiturienten aufgrund des langen und steinigen Weg
zum Abitur als alte Greise die Showbühne der Wirtschaft
betreten?

Schnell wird vergessen, daß es auch andere Gründe für
das relativ hohe Durchschnittsalter akademischer
Berufsanfänger gibt. Nicht nur das zu hohe
Einschulungsalter von inzwischen knapp 7 Jahren, nicht
nur die sich vergrößernde Lücke zwischen Abitur und
Studienbeginn, sondern ganz besonders die sich ständig
verlängernden durchschnittlichen Studienzeiten an unseren
Universäten. Wer eine Reform der gymnasialen Ausbildung
fordert und gleichzeitig die Nöte der Universitäten vergißt,
handelt nicht nur blind, sondern verantwortungslos. Hinzu
kommen noch deutsche Besonderheiten wie die allgemeine
Wehrpflicht. während Länder wie die USA oder England
Berufsarmeen unterhalten.

In England sind trotz ebenfalls 13-jährigen Schulzeit
die Studienanfänger über 2 Jahre jünger als in
Deutschland. Die Gründe: frühere Einschulung mit 5 bis
6 Jahren, Spezialisierung an den weiterführenden Schulen,
verschultes Studium und keine Wehrpflicht. Mit einer so einfach
anmutenden Forderung nach einem D-Zug Abitur ist es also nicht
getan.

Das Gymnasium, dessen Dauer abgesehen von der NS-Zeit,
als Hitler das Gymnasium verkürzte, um zu Kriegsbeginn
zwei Abiturienten- bzw. Offiziersjahrgänge zur Verfügung
zu haben, immer gleich geblieben ist, stellt nicht die Ursache
des gestiegenen Durchschnittsalter akademischer Berufsanfänger
dar.

Um die böswillige Übertreibung des körperlichen
Zustands unserer Absolventen ein wenig zu relativieren, sei
erwähnt, daß sich trotz der Notwendigkeit einer umfassenden
Bildungsreform Deutschland durchaus mit dem großen Bruder
auf der anderen Seite des Teiches messen kann. Der deutsche
Anglistenverband hat vor kurzem in einer Studie überzeugend
dargestellt, daß der Magisterabschluß sowohl in den
USA, als auch in der Bundesrepublik im Durchschnitt mit 27
Jahren erworben wird. Von einer "Vergreisung" deutscher
Berufsanfänger im Vergleich zu denen der führenden Weltnation
kann also keine Rede sein.

Im übrigen sei jedem Leser empfohlen einmal mit
Personverantwortlichen großter deutscher Unternehmen zu
sprechen, die ihre Stellen international ausschreiben und
besetzen. Wie sie mehrfach öffentlich geäußert haben,
entscheiden sie nach Qualität und Persönlichkeitsprofil.
Ob ein Bewerber ein Jahr älter oder jünger ist, spielt
keine Rolle und wäre ökonomischer Selbstmord.

- Qualität der Lehre

Wie wichtig die Qualität der Lehre ist, zeigt ein
kurzer Blick über die bundesdeutsche Bildungslandschaft.
Die Länder Sachsen und Thürigen, die bei dem DDR Modell
der 8jährigen Gymnasialzeit geblieben sind, haben statt
blühender Landschaften erschreckende Ausbildungsstandards
erreicht.

So attestiert der KMK-Bericht von 1993 den neuen
Ländern erhebliche Niveaudefizite bei den Abituranforderungen,
insbesondere in den Fremdsprachen. Vier Jahre danach verglich der
Bildungsbeirat des BPV Abituraufgaben aus den neuen Bundesländern
und Bayern. Mit einem ähnlich niederschmetternden Ergebnis.

Auch aktuellere Zahlen können da keine bessere Kunde
verbreiten. Bei der TIMS-III-Studie 1999 wurde festgestellt,
daß das fehlende Jahr im Fach Physik bei den Ostabiturienten
zu einem eklatanten Wissensrückstand führe.

Die Tatsache, daß die Studienquote in den neuen
Ländern inzwischen auf unter 50% gesunden ist,
hat sicher eine Reihe von Ursachen. Ein Grund
dafür ist aber auch, daß die Abiturienten sich
dort einem Studium zunehmend nicht mehr gewachsen
fühlen.

Und es gibt noch ein Indiz für Qualitätsprobleme:
Sachen hat die höchste Abiturdurchfallquoten der
gesamten Bundesrepublik: Zwischen 10 und 13 Prozent
der sächsischen Abiturienten bestehen eine Reifeprüfung
im ersten Anlauf nicht. Der Bundesdurchschnitt liegt
hier im übrigen bei 2%.

- Aus Alt mach Neu

Der Griff in die eigene Gedächtnisschublade fördert so
manch vergilbte Erinnerungen an die eigene Schulzeit zu Tage
und weckt die Hoffnung, daß unser Dillemma mit dem deutschen
Bildungswesens an der Verschlankung der Lehre und Befreiung
von dem überflüssigen Balast unnötigen Wissens genesen möge.
Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir, wird
da so manchem wieder einfallen, Lifelong Learning ist also
angesagt.

Dies bedeutet jedoch nicht, daß grundlegende allgemein
bildende Lerninhalte plötzlich verzichtbar geworden sind.
Die Anforderungen an die jungen Menschen zu Beginn des 21.
Jahrunderts sind stark gestiegen.

Natürlich gibt es Inhalte, die sich überlaufen haben.
Allerdings übertreffen die Foderungen nach Neuaufnahme von
Unterrichtsinhalten und neuen Fächern aus Politik und
Wirtschaft die möglichen Kürzungen bei weitem.

In bestimmten Fächern ist eine Entrümpelung gar
unmöglich. Bei den Fremdsprachen oder in Deutsch hat dies
sofort Auswirkungen auf die Sprachkompetenz. Beim
muttersprachlichen Anteil am Gesamtunterricht ist Deutschland
jetzt schon europaweites Schlußlicht, wie eine OECD-Studie im
Jahre 2000 erwiesen hat.

Nicht nur Goethe wird sich im Grab umdrehen, auch die
Personalchefs können ein Lied davon singen wie verherrend
die Kenntnisse der eigenen Muttersprache bei deutschen
Berufsanfänger sind.

- Kulturelle Kommunikation Adé

Die Forderung nach Streichung unnützen Leerlaufs passt
gut in dieses Bild. Studienfahrt und internationaler
Studienaustausch wird mit der naiven Schulzeitverkürzung
nicht mehr zu machen sein. Aber wozu auch, wenn die Schüler
der Zukunft sich mangels Sprachkompetenz ohnehin nicht mit
den Mitmenschen der anderen Kultur verständigen
können.


- Reifung braucht Zeit

Jeder der schon eimal den Unterschied zwischen einer
lagergereiften Tomate vom Diskounter und der selbst
gepflanzten sonnenverwöhnten Gewächshaustomate genießen
dürfen, wird mit voller Überzeugung zustimmen, daß zur
Reife schon immer Zeit gehört hat.

Das gilt für die intellektuelle Entwicklung ebenso wie
für die Persönlichkeitsentwicklung ingesamt. Letztere Bedarf
gerade auch der kulturellen Grundbildung in der Literatur,
Kunst, Musik, Sport sowie in Religion bzw. Ethik. Fächer,
die man in den meisten Staaten mit zwölfjähriger Schulzeit
bezeichnenderweise nichthat. Reifung bedeutet zudem den
außerschulichen Freiraum. Eine Verdichtung der gymnasialen
Bildung mit ihrem Ganztagsbetrieb entzöge jungen Menschen
wertvolle außerschulische Entfahltungs- und Erprobungschancen,
in kirchlichen, gesellschaftlichen und politischen
Bewegungen beispielsweise.

- Wünsch Dir was

Vielleicht sollte Politik einmal das machen, was alle
Welt von ihr fordert. Den Menschen zuhören.

Ginge es nach dem Willen der bayrischen Bevölkerung
bliebe dort auch in Zukunft alles beim alten. 58 Prozent
der Bevölkerung sprachen sich dort gegen eine Verkürzung aus.
Gerade einmal 38 Prozent waren dafür.

Ausschließlich bei der Wirtschaft nach den
Befürwortern zu suchen, wird im übrigen müßig werden. Mit 57
Prozent haben sich Beamte für die geplante Maßnahme ausgesprochen.
Sie bekunden eindeutig die höchste Symphatie für diese Maßnahme.

Neben den Umfrageergebnissen sollten wir aber auch die
tatsächlichen Entscheidungen der Deutschen nicht vergessen.
Auch heute ist es bereits möglich, durch sogenanntes Springen
das Abitur in zwölf Jahren zu erreichen. Gerade einmal 0,1 Promille
der Schüler nutzen dieses Angebot, genausowenig wie die seit 1991/92
eingerichteten D-Zug Klassen in Baden-Würtemberg. Hier waren es gerade
einmal 800 Schüler im Schuljahr 1997/98, die von diesem Angebot gebrauch
machen. Das entspricht 2 Promille aller Gymnasiasten.

Woran die Aktzeptanz dort scheitert zeigt eine
Landtagsanfrage von den Grünen 1999. Gerade einmal
50% der in der 5. Klasse gestarteten Turboschüler
im G8-Versuch Baden-Würtembergs erreichen in acht Jahren
das Abitur. Der Rest kehrt in den Normalzug zurück.

Die Wirtschaftsvereinigung Bauindustrie NRW teilte
anlässlich einer Anhörung im NRW-Schulausschuß mit,
daß Schülerinnen und Schüler, die länger als 12 Jahre
bis zum Abitur bräuchten, von bestimmten Wirtschaftszweigen
erst gar nicht mehr zu Vorstellungsgesprächen eingeladen würden.
Solche Entgleisungen, die im eindeutigen Widerspruch zu den
Äußerungen der meisten Personalentscheider stehen zeigt nur eines.
Teile der Wirtschaft trauen der Politik eine umfassende Bildungsreform
nicht mehr zu.

Wenn schon schlecht ausgebildet, dann doch bitte
möglichst jung.


- Der bessere Weg

Statt dem Verlangen Vorschub zu leisten, Deutschland
in die bildungspolitische und wirtschaftliche Steinzeit zu
katapultieren, sollten wir kreative, aber nicht minder pragmatische
Lösungen suchen.


- Absenkung der Einschulung auf das übliche Alter von 5 bis 6 Jahren.

- Begabte können auf das Studium anrechenbare Qualifikationen in der
Schule erwerben

- Mehr Praktika und verbesserte Berufvorbereitung

- Individuelleres Angebot

- Verzahnung von Schule, sowie Wissenschaft und Wirtschaft. Zusätzliche
Lehrangebote für interessierte Schüler durch Zusammenarbeit von Forschung
und Kapital.

- Umfassende Universitätsreform, um Studenten den Abschluß innerhalb der
Regelstudienzeit zu ermöglichen. Insbesondere Entferung der systemwidrigen
Notwendigkeit der Nachbearbeitung schulischer Schwächen, insbesondere im
naturwissenschaftlich-mathematischen Bereich


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