Ehrenwort vs. Gesetz

Jan... 04.01.02 22:33

Wenn man das reine Recht kurz außer Acht lässt und man den Menschen Mensch sein lässt, was ich dann für die meisten Menschen wichtiger:

das Ehrenwort oder das Gesetz?

Bitte um rein "menschliche" Betrachtung und bevor man schon mit einer vorgefertiger Meinung antwortet, zunächst kurz über die folgenden Gedanken nachzudenken. Bitte. :-)

A. Was kann man mit beiden Begriffen verbinden?

DAS EHRENWORT:
persönlicher Entschluß; Ehre (für viele Menschen sehr, sehr wichtig: in vielen Kulturen viel wichtiger als das eigene Leben; aussterbendes Beispiel: Japan); Verbindung mit der persönlicher Wertschätzung (würden wir nicht Leute verachten, die uns etwas versprechen und es nicht halten?); "Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort" hat es nicht mit Interigrität zu tun, wenn man sich darauf verlassen kann?

DAS GESETZ
eine Rechtsnorm; etwas auf das der Einzelne überhaupt nicht individuell beeinflussen kann, die uns vom Staat aufgezwungen wird; teilweise durch die Mehrheit; teilweise durch die Minderheit

B. Schauen wir und nun ein Paar Beispiele an:

aa.) wenn mir meine Mutter, mein Vater, mein Bruder, meine Frau etwas mitteilen würden und ich ihnen versprechen sollte, es keinem weiterzuerzählen - ich würde es sehr wahrscheinlich tun; wer würde es nicht? [der Gesetzgeber erkennt dies sogar als ein Grund um beim Mord die Aussage zu verweigern! - ich weiss, mein Beispiel ist etwas übertrieben, aber wahr ]

bb.) wenn ein Priester einer Person sein (Ehren)wort gibt, so würde man es wohl verstehen [hier kommt noch zusätzlich sein Gewissen und Grundprinzipien der Religionsfreiheit ins Spiel]

cc.) wie würde man selbst reagieren, wenn der beste Freund/in uns um das Ehrenwort bittet? Würde ein Staatsanwalt uns das "heilige" Versprechen entreißen?

C. Was ich damit sagen will: ;-)

Ist die Antwort so klar, dass das Gesetz über dem Ehrenwort ist? Und wenn es doch nicht so eindeutig ist (wie es für mich der Fall ist), wo ist die Grenze und wer kann sie bestimmen? :-)

Grüße,

Jan

  1. Anonym 04.01.02 22:49

    Interessante Frage, Jan.

    Aber eine einfache Antwort, die fast altmodisch anmutet:

    Das Ehrenwort steht (praktisch) immer vor dem Gesetz!

    Wenn man jemanden bereits ein Ehrenwort gegeben hat, hat man sich ja reiflich überlegen können, ob dies mit der eigenen Moralvorstellung kollidieren könnte. Und Moral steht auch vor jedem Gesetz.

    Gesetze sind nur künstliche, vergängliche Regeln, die das Zusammenleben in Zivilisationen vereinfachen. Wichtig, notwendig, aber nicht absolut (wie Moral).

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  2. cpo... 05.01.02 12:16

    Ich kann mich da Stefan nur anschließen.

    Im allgemeinen sollte allerdings mit dem Ehrenwort sparsam umgegangen werden. Auch wenn wir heute in der "ey, ich schwör"-Gesellschaft großwerden, so sollte die Vergabe dieses E-wortes nur nach reiflicher Überlegung erfolgen und nicht nur als reine Bauchentscheidung. Dann aber mit allen Konsequenzen.

    Interessant wird es jedoch, wenn man jemandem sein Ehrenwort verweigert, weil es mit seinen moralischen Vorstellungen extrem kollidiert. Häufig wird dann durch Einzelpersonen, extremer aber noch durch Gruppen enormer Zwang auf das Individuum ausgeübt, dieses Ehrenwort zu leisten und danach auch zu handeln, auch wenn es die eigenen Moralvorstellungen völlig über den Haufen wirft.

    Also als weitergehende Frage: Bin ich gezwungen den Personen aus Jans Aufzählungen in allen Fällen mein Ehrenwort zu geben, weil mich enge Familienbande bzw. sehr gute Freundschaften dazu "nötigen".

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  3. Suesse 06.01.02 04:29

    Recht (auch positiviertes Recht, also u.a. Gesetze) ist keinesfalls eine Sammlung künstlicher Regeln. Ebenso wie Moral stellt es einen Verhaltenskodex für menschliches Zusammenleben dar, nur dass moralische Regeln lediglich sozial sanktioniert sind, Recht aber (auch) staatlich. Gesetze sind primär als Kodifikation besonders wichtiger moralischer Vorstellungen entstanden - das zeigt ein kleiner Blick in die rechtsgeschichtlichen Anfänge: nicht töten, nicht stehlen, nicht ehebrechen... (insofern steht Moral tatsächlich vor Gesetz) Ein weiteres Beispiel hierfür: die Idee universell geltender Menschenrechte.

    Zum Verhältnis von Ehrenwort und Gesetz werfe ich mal den mit erheblicher Strafdrohung sanktionierten Meineid in die Runde.

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  4. TOM... 05.01.02 18:03

    Hallo,

    1.) Zu Stefan:
    Seit wann ist denn die Moral absolut? Haben sich Sitten und Bräuche – und nichts anderes ist Moral - nicht jeher ebenso gewandelt, wie die Gesetze? ;-)

    2.) Zur Frage:
    Wurde das „Ehrenwort“ vor dem 18.Jh. noch im Sinne von Kompliment gebraucht, steht es heuer für das einsetzen der eigenen Ehre als Pfand für eine Zusage.
    Ein Ehrenwort kann also nur jener geben, der auch Ehre besitzt.
    Ehre wird für Vollbringung tugendhafter Handlungen verliehen (PLATON).
    Nur wer uns wertschätzt, dem können wir unser Ehrenwort überhaupt geben. Bietet jemand sein Ehrenwort, dann macht ein Versprechen, welches er gleichsam zur Grundsatzfrage des Vertrauens und der Würde seiner Person erklärt.
    Um die eigene Würde und Achtung vor sich selbst nicht einzubüßen, soll man nur dann seine Ehre verpfänden, wenn man bereit ist, in dieser Sache oder für eine Person die Konsequenzen bis ins Letzte zu ertragen - auch wenn dies den Konflikt und die harte Bestrafung durch das Gesetz nach sich zieht.

    Die Gesetze kümmern sich um das Beweisbare. Ehre ist kein beweisbares Gut. Somit seht das Ehrenwort außerhalb des Gesetztes.

    Für das Leben aber gilt:

    Über dem Recht steht die Richtigkeit!

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  5. Anj... 06.01.02 12:40

    Gesetze haben moralische Vorstellungen als Grundlage. Moral geht weiter als die reinen Gesetze. Aber gibt es unmoralische Gesetze? Ich denke nicht...

    Ehrenwort vs. Gesetz - das finde ich schwierig. Für "uns" (rechtschaffene, ehrliche,... *g*) ist's eher so: Mindestens Gesetz und obendrauf auch noch Ehrenwort. Was ist mit Menschen, die keine Moral haben? Ohne gesetzliche Regelungen sähen wir da glaube ich ganz ARM aus. Was und wer würde die "Bestrafung" von "moralischen Verstößen" regeln? Was ich sagen will: Gesetze sind für alle "schlechteren" Menschen unabdingbar, um das Zusammenleben zu regeln. Für alle anderen sind Gesetze selbstverständlich und das Ehrenwort ist dann eine Ehrensache.

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  6. Jan... 06.01.02 18:53

    Wie würde man Moral definieren?

    MORAL: Sittenlehre; "Sitte, Brauch";
    SITTE: allgemeine verbreitete Gewohnheit, Brauch; ALLGEMEIN ? da haben wir eine grosse Falle, denn wer bestimmt dies? Wieviele Leute brauchen wir?

    Welche Moral ist stärker:

    Moral des Individuums?
    Moral der Familie?
    Moral der Dorfes, Stadtes, Landes, Staates?
    Moral der Kultur, Religion?
    Universelle Moral ? [gibt es sowas überhaupt?]

    Bevor ich hier wieder zuviel reintippe: worauf ich hinaus will: die Moral bestimmen Menschen; Menschen haben sehr viele Vorstellungen; somit gibt es meiner Meinung keine absolute Moral; somit wird jedes Gesetz gegen irgendwelche Moralvorstellung einer anderen Gruppe widersprechen.

    = WÄREN SOMIT NICHT ALLE GESETZE MEHR ODER WENIGER UNMORALISCH

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  7. Suesse 06.01.02 18:54

    Naja, es gibt eine ganze Reihe von Gesetzen, die nicht moralische Inhalte festschreiben, sondern z.B. Verfahrensabläufe regeln, z.B. das Gesetzgebungsverfahren, die Wahl des Bundestags, die Erteilung von Baugenehmigungen, etc. pp.

    Mit Gesetz & obendrauf Ehrenwort stimme ich dir zu, Anja. Aber die "Bestrafung" von Verstößen gegen Moralvorstellungen gibt es tatsächlich: gesellschaftliche Mißbilligung - z.B. wird Pädophilie allgemein verachtet, viele Leute finden sexuelle Belästigung doof, Kinder werden geschimpft, wenn sie beim Schwindeln ertappt wurden, u.ä. (die besonders gravierenden Moralverstöße sind meist auch gesetzlich sanktioniert). Aber es gibt natürlich auch Gesetzesverstöße, die niemand so richtig unmoralisch findet, z.B. Verstoß gegen Geschwindigkeitsbegrenzungen beim Autofahren und sowas.

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  8. runaway 08.01.02 23:46

    ...da wir in einer Zeit leben, wo fast jede Antwort mit "es kommt darauf an..." beginnt, so kann ich nur sagen: es kommt in der Tat darauf an, wie sich der Einzelfall darstellt.
    Deine Beispiele zu aa., bb., und cc. sind nur zu eindeutig: Ein Ehrenwort kann man geben, sofern es mit seinem/ihrem Gewissen vereinbaren kann und ein entsprechendes Näheverhältnis gegeben ist (so Familie, Freunde, Priester)..und wenn das Ehrenwort gegeben ist, hält man es auch..sonst wird man unzuverlässig und muss damit leben, was wahrlich schwer und auch demütigend ist..

    bezüglich der Kollision mit dem Gesetz sollte man bei der Beurteilung in Betracht ziehen: Die Natur des Gesetzes ist amoralisch. Sie ist mehr funktional. Besteht erst einmal ein Gesetz, so wird sie erst angewandt und, wenn überhaupt, erst viel später hinterfragt. Daher sollen ja auch Wahlen stattfinden, ein Parlament zusammenkommen, ein Gesetz herausbringen, welches die Wähler indirekt auch haben wollten..In der Demokratie erscheint das Problem nicht als ein Problem. Hälst du dein Ehrenwort nicht, so wirst du nur für dein Verhalten mit gesellschaftlicher Verachtung bestraft.
    In Diktaturen, Königtümern, Rätensystemen wäre das anders. Da gibt es Gesetze!!...puh...über die sollten wir jetzt nicht reden...dort ist das Ehrenwort essentieller und lebensnotwendiger....dort muss man ein Ehrenwort halten oder auf ein Ehrenwort vertrauen können...
    Daher, lieber JanJK, kann man den Mensch nicht Mensch sein lassen und dabei das Recht ausser Acht lassen. Es kommt auf die Rechtsausübung an.

    Eine weitere Konstellation, doch danach hast du nicht gefragt, ist der rechtsfreie Raum. Als Beispiel: der sog. "Wilde Westen" während der Westwanderung der Amerikaner. In einem solchen Fall wird alles per Ehrenwort geregelt. Doch ein solcher Zustand hält nicht lange, da auch die Ehre so ihre Gesetze hat, z.B. Lynchen für ein Pferdediebstahl.

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