Europäisches Volk?

Anj... 09.06.02 11:26

Gestern habe ich eine sehr interessante Gesprächsrunde mit Lord Dahrendorf himself besuchen können. Thema: "Die Krisen der Demokratie". Unter anderem ging es um das Demokratiedefizit in Europa und die Erweiterung (Stichwort Türkei).

Dahrendorfs These: Es gibt kein europäisches Volk, also ist die Übertragung der Demokratisierung von nationaler auf multinationale Ebene in Europa nicht möglich.

Weiterer Punkt, der wohlgemerkt nicht Dahrendorfs Meinung widerspiegelt, sondern ein Beitrag eines Gastes war: Der Beitritt der Türkei ist deswegen schwierig, da Europa von christlichen Werten geprägt ist.

Meinungen?

  1. rap... 09.06.02 14:34

    Auf der einen Seite wird versucht die Demokratie von nationaler auf intereuropäischer Ebene voranzutreiben. Auf der anderen Seite sehen wir uns mit wachsenden nationalistischen Tendenzen in europäischen Ländern konfrontiert.

    Falls noch mehr auf europ. Ebene entschieden wird und dies nicht unbedingt mit nationalen Interessen vereinbar ist, so ist meiner Meinung nach mit einer Verstärkung dieser Tendenzen zu rechnen.

    Ob der Beitritt der Türkei nun durch die unterschiedlich religiösen Werte so schwierig sein soll, bin ich mir nicht so sicher.
    Ist dies nicht ein eher vorgeschobenes Argument wenn man bedenkt wie wenig praktizierendes Christentum in unsere Politik noch einfließt.

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  2. Anonym 09.06.02 18:40

    Ich würde es weniger ausschließlich beurteilen. Auch die Amerikaner waren kein "amerikanisches" Volk, sondern ein Sammelsurium aus europäischen Flüchtlingen. Dennoch war eine Demokratisierung hin zu den "Vereinigten Staaten" möglich. Hier hat sicherlich die Einigung auf eine gemeinsame Sprache dazu beigetragen, an dieser Stelle sehe ich ein viel größeres Problem in Europa.

    Es wird viel Zeit brauchen, dennoch wird sich der Gedanke an ein gemeinsames Europa nicht zuletzt durch Schengen Abkommen und gemeinsamer Währung durchsetzen. Es ist unglaublich befreiend problemlos die Grenzen passieren zu können und mit der "eigenen" Währung zahlen zu können.

    Im übrigen wird das europäische Zusammenwachsen auch den Minderheiten in den jeweiligen Ländern Auftrieb verleihen. Bei einem absehbaren Beitritt Polens etwa wird die Deutsche Minderheit im schlesischen Raum eine wichtige Rolle für den Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen bekleiden.

    Den Beitritt der Türkei stufe ich aufgrund der unsicheren Stabilitätslage als äußert kritisch ein. Wirtschaftlich und politisch ist die Türkei meilenweit von einem Beitritt entfernt. So weit, daß ich mir in der jetzigen Situation nichteinmal vornehme über die Problematik der unterschiedlichen religiösen Wurzeln Gedanken zu machen.

    Wo wir gerade so nett bei gesellschaftlichen Themen zusammensitzen: Alle Berliner squeaker sind herzlich zu einem Vortrag von Ernst Nolte (DER E. Nolte vom Historikerstreit) am 20. Juni eingeladen, bei dem er über "Das Ambivalente Erbe des Liberalismus" sprechen wird. Es wird sicher eine kontroverse Diskussion dazu geben, so daß für jeden etwas dabei sein dürfte. Weitere Informationen über QuickMessage oder eMail.

    Viele Grüße,
    Markus

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  3. Anj... 09.06.02 21:35

    In Amerika hat's funktioniert. Aber Amerika hat auch eine andere Geschichte als Europa. Die verschiedenen Nationalitäten hatten beim Zusammenkommen in Amerika alle dasselbe Ziel, oder? Hm...

    Dahrendorf sprach in dem Zusammenhang das Beispiel London an, in dem die Docklands von der einen, andere Teile der Stadt von einer anderen ethnischen Gruppe eingenommen werden. Ist New York nicht noch ein besseres Beispiel? Mit China Town & Co.?
    Dahrendorf betonte, dass er sich diese Entwicklung nicht gewünscht hat und dass es ihm leid tut sagen zu müssen: seperated but equal wäre eine gute Möglichkeit des Zusammenlebens.

    Die Frage, die sich mir an diesem Punkt stellte: seperated but equal - zu Ende gedacht - bedeutet doch: Zuwanderung = 0, Globalisierung = no!

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  4. Anonym 10.06.02 04:26

    Wir haben ebenfalls ein gemeinsames Ziel, wirtschaftliche Entwicklung, respektive Wohlstandsmehrung, sowie ein friedliches Europa auf langfristige Zeiten.

    Das Beispiel London, aber auch das Beispiel New York hinkt. In einem geeinigten Europa ist es tendenziell unnötig seinen Platz zu verlassen. Lebensbedingungen, sprich Wohlstand und Einkommen, soziale Absicherung passen sich einander an. Die einzige Ausnahme dürfte das Wetter bilden, wird jedoch durch die Heimatverbundenheit der meisten Europäer wieder aufgehoben.

    Das Beispiel Chinatown passt ebenfalls nicht. Wir reden hier von autochthonen Minderheiten, bzw. einer autochthonen Gesellschaft. Darunter fallen die Chinesen in den USA nicht, daß ist wieder ein anderes Problem, daß man nicht mit dem ursprünglichen nicht vermischen darf.

    Seperated but equal mag bis zu einem bestimmten Punkt korrekt sein. Allerdings wird sich diese Entwicklung auf regionaler und nicht nationaler Ebene abspielen. Hier sei wieder auf Schlesien verwiesen, wo sich ein großteil der Einwohner nicht als Polen oder Deutsche identifiziert, sondern als Schlesier. Da aus wirtschaftlichen Gründen eine Völkerwanderung nicht zu erwarten ist, wird jede Region ihre Eigenheiten beibehalten, den Schritt zur Ablehnung von Zuwanderung, bzw. Globalisierung kann ich jedoch nicht nachvollziehen.

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  5. dos... 09.06.02 20:25

    Als überzeugter Europäer denke ich das ein Gebilde wie die "vereinigten" Staaten von Eurpoa enstehen werden. Was aber kein Abklatsch der USA sein wird. Ein Schritt in zu einem vereinigten Eurpoa ist die gemeinsame Währung und das Schengener Abkommen. Als nächsten Schritt sehe ich eine gemeinsame Steuer/Sozialpolitik und den Ausbau des Europäischen Parlaments mit Gesetzgebungsbefugnissen ohne das die Gesetze wie bisher von en einzelnen Länderparlamenten in nationales Recht umgesetzt werden müssen.

    Gruss
    Dosie

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  6. Nie... 10.06.02 16:46

    Die These von Lord Dahrendorf, es gebe kein europäisches Volk, teile ich nur bedingt. Die Erfahrungen der Gegenwart scheinen die These des Soziologen zu stützen, ein Blick in die Geschichte Europas kann den Blickwinkel doch wesentlich erweitern.
    Europas ist - um mit den Worten Schwanitz zu sprechen – ein Zweistromland, welches von zwei Flüssen bewässert wird. Die Quelle des einen sprudelt in Israel, die des anderen in Griechenland. Die aristrokratisch-bürgerliche europäische Mischkultur mit ihren Spannungen zwischen Religion und Staat ist die zentrale Ursache für die zahlreichen Konflikte in der europäischen Vergangenheit.
    Die Spannungen legen sich, der Fortschritt gewinnt an Fahrt. Es braucht weitere formale Institutionen, welche die Gemeinsamkeiten der Europäer stabilisieren und fördern; eine europäische Verfassung kann hier den Grundstein für einen dauerhaften Frieden und einer von allen Bevölkerungsgruppen akzeptierten Identifikation mit Europa legen.
    Doch bei allen Bemühungen, Europa erfolgreich zu einigen, dürfen Minderheiten und regionale Besonderheiten vom Haus Europa nicht vereinnahmt werden. Das zarte Pflänzchen des fast sechzigjährigen Friedens wäre ansonsten gefährdet, nationalistische Tendenzen wären ein unausweichliches Ergebnis. Der europäische Demokratisierungsprozess muss deshalb behutsam vorangehen. Die Belange aller müssen berücksichtigt werden, nur so kann ein breiter Konsens für Europa geschaffen werden. Dieser Weg ist steinig und das Tempo des Fortschritts langsam, aber das Ende des Weges verspricht ein gemeinsames europäisches Volk mit einer beflügelnden regionalen Vielfalt. Ich denke, es lohnt sich diesen holprigen Weg zu beschreiten.

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  7. Pin... 13.06.02 00:13

    Also jeder hat recht und dies ist alles richtig, wie auch falsch:
    Aber ich habe ein Problem mit begriffen wie eurpäisches Volk etc.
    Ich denke wenn die Menschen es erst schnallen das alle Menschen ein und das selbe Volk von ein und derselben Spezies sind erst dann haben wir es geschafft in anderen Dimensionen zu denken und über Gruppierunegen, Glauben hinweg zu schauen, erst dann sind wir inder Lage mit eineander so zu respektiern, das es überhaupt nicht mehr zu solchen differenzierungen kommt, und solange sind für mich diese Diskussionen überflüssig da sich am Kern Problem nix änder;))

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  8. Anj... 13.06.02 18:55

    Genau, werden wir alle Muslime, dann fliegt auch keiner mehr in die Hochhäuser seiner Mitbrüder...

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  9. Anj... 13.06.02 19:00

    Sorry for that!
    Aber so wie Pinocchio im Märchen eine Holzfigur ist, so ist die Weltbevölkerung Menschheit.

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