Kaderschmiede in bester Lage

Anonym 21.06.02 08:56

Was denken die squeaker über solche Einrichtungen ?

Die großspurige Gründung einer Manager-Hochschule in Berlin durch Großkonzerne löst auch Skepsis aus

Von Ansgar Oswald

Als die Humboldt-Universität zu Berlin 1819 das Prinzenpalais bezog, war das ein symbolischer Akt von großer Tragweite. So hätte es die European School of Management and Technology (ESMT) auch gerne - dass sich ihr Einzug in das ehemalige DDR-Staatsratsgebäude in vier Monaten tief ins kollektive Gedächtnis eingraben möge. Dem Ankauf des Hauses zum symbolischen Preis von einem Euro hat die Bundesregierung zugestimmt. Das denkmalgeschützte Staatsratsgebäude mit dem eingebauten Schlossportal, von dem aus Karl Liebknecht 1918 die "Freie Sozialistische Republik" ausrief, und den Glasmalereien Walter Womackas ist ein Zeugnis der Inszenierung sozialistischen Staatsidealismus. Doch die Geschichte lehrt, dass der Kapitalismus stärker war. Folgerichtig haben die Bosse von siebzehn deutschen Großkonzernen - von Allianz und Deutscher Bank über Daimler-Chrysler bis ThyssenKrupp - diesen Ort als künftigen Hort für Führungskräfte auserkoren. Als Privatanstalt mit Hochschulanspruch. In München ist eine Dependance vorgesehen.

Das sich allmählich klarer abzeichnende Gebilde der Deutschland AG, das mit Finanzspritzen in dreistelliger Millionenhöhe auf Touren gebracht werden soll, ist dem bisheriger Business Schools in Deutschland nicht unähnlich: Selbstfinanzierung mit Studiengebühren, Stiftungsgelder der Unternehmen, wirtschaftliche Aktivitäten. Wie andere Business Schools will auch diese "ein Dienstleister der Wirtschaft" sein. Neu ist allenfalls die europäische Ausrichtung, die Gerhard Cromme, Aufsichtsratschef von ThyssenKrupp und Gründungskoordinator der neuen Managerschmiede, unentwegt betont.

Spätestens ab dem Jahr 2004 sollen jährlich 4000 international ausgesuchte studierte und berufserfahrene "junge Führungs- und Führungsnachwuchskräfte" aus Wirtschaft und Staatsdienst die Schule durchlaufen. Knapp 3500 von ihnen sollen den Schliff für die weitere Karriere in "hochkarätigen" Fortbildungsseminaren und -tagungen erhalten. Kernstück des Angebots sind je einjährige Vollzeitstudiengänge zum Magister of Business and Administration und Public Administration. Ferner soll es ein zweijähriges berufsbegleitendes Programm geben, das Spitzenköpfe in Unternehmensführung fortbildet.

Die neue Schule will sich auf die Themen Innovation und Technologiemanagement sowie Marktchancen neuer Technologien konzentrieren. In dieser Ausrichtung erkennt Cromme ein "hochattraktives Feld für Forschung und Executive Education, also der Weiterbildung, das so in Europa bislang noch nicht abgedeckt ist". Mit diesem Profil und mit der Verquickung von Lehre und Forschung dank Kooperation mit den Universitäten in Berlin und München will sich die ESMT "auch von allen anderen Schulen in Europa deutlich unterscheiden". Cromme spielt damit auf die Renommierten wie Fontainebleau, Lausanne oder London an.

Sogar vom "Promotionsrecht" ist die Rede, das man mit dem Status als "staatlich anerkannte Hochschule" (Cromme) erwerben wolle. "Innerhalb von zehn Jahren" soll die ESMT "auf ihrem Arbeitsgebiet zu den bedeutendsten Lehr- und Forschungseinrichtungen auf dem Kontinent zählen".

Dabei täte mehr Bescheidenheit gut, ist es doch um den Ruf der privaten Hochschulen nicht mehr zum Besten bestellt, seit der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft vor Monaten in einer Untersuchung das lange unhinterfragte Überlegenheits-Image der Privaten arg in Zweifel zog. Laut Stifterverband verstehen es viele der geprüften 16 Institute nicht, ihre kreativen Spielräume zu nutzen. Sie, denen es meist an Vielfalt von Denk- und Fachrichtungen mangelt und die schnell praxisnahes, geldwertes Wissen vermitteln, kämen über Mittelmäßigkeit kaum hinaus.

Fragezeichen sind bei der ESMT auch schon jetzt erlaubt. Denn die Schule hat sich schon im Vorfeld mit dem denkwürdigen Satz Crommes offenbart: "Weiteres Kapital fließt durch die Überführung des Universitätsseminars für Wirtschaft, USW Schloss Gracht und des Instituts für Management und Technologie, IMT Berlin, in die Schule." Das heiße, so erklärt Wulff Plinke, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Geschäftsführer vom USW und IMT, dass "beide mit ihrem Geschäftsbetrieb und den Menschen in der neuen Schule aufgehen".

Und es erklärt, warum Plinke Gründungsdekan der ESMT ist und als solcher für den Lehrplan verantwortlich zeichnet. Beide Institute galten in Wirtschaftskreisen bisher nicht als Orte für "Spitzenprodukte der Weiterbildung und maßgeschneiderte Firmenprogramme für die Management-Entwicklung", die laut Cromme nun die ESMT anbieten wolle.

Die Frage, was die ESMT eigentlich sein kann, haben einige Ökonomen wie Rolf Ernst Pfeiffer schon für sich beantwortet: "Der halbe Dax sind die Gründer", stellt der Personalexperte der Unternehmensberatung Accenture und ausgewiesener Kenner der Privatschulen fest. Und weiter: "Deutschland braucht eine solche Schule." Pfeiffer BESTätigt so die Initiatoren, die jammern, dass ihnen die Führungskräfte ins Ausland abwandern. "Aber im internationalen Umfeld", schränkt Pfeiffer ein, "hat niemand auf diese Einrichtung gewartet."

Die Spezialschule ESMT wäre demnach eine bescheidene Antwort auf vermeintliche nationale Bildungsdefizite - die Managerschmiede soll jenes Klientel formen, die angeblich an staatlichen Hochschulen wie bei der leidlich etablierten privaten Konkurrenz nicht zu finden ist.

Bisher verzichtet die ESMT auch auf ein Joint Venture oder "Zukauf" eines Brain-Trusts, der eine "ideale Kombination" ergäbe, wie der Ökonom Pfeiffer sagt: Er meint das in alter Lehrtradition humanistisch angelegte European College of Liberal Arts, das im Herbst in Berlin seinen Regelbetrieb aufnehmen wird. ECLA will vor der berufspraktischen Fortbildung in einem geistes-naturwissenschaftlichen Studium generale den persönlichkeitsbildenden Blick für große Zusammenhänge öffnen.

Keine schlechte Idee auch für die übrige Private Konkurrenz - und für die staatlichen Hochschulen, die sich neu besinnen wollen.



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