Meine Start-up Erfahrung als Mitgründer von gini.net. Die reinste Achterbahnfahrt - oder die beste Entscheidung meines Lebens

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Erfahrungsbericht

Meine Start-up Erfahrung als Mitgründer von gini.net. Die reinste Achterbahnfahrt - oder die beste Entscheidung meines Lebens

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Karlsruhe, Juli 2010 – Es ist endlich soweit, Gini startet in einem 7qm-Server-Raum im „Start-Up-Büro“ des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), damals noch unter dem Namen smarchive, für smartes Archiv. Was auf uns noch zukommen würde an Hürden, Stolpersteinen, Höhen und Tiefen, ob der Traum, direkt nach dem Uni-Abschluss ein profitables Unternehmen aufzubauen aufgeht – all das war mehr als unklar. Dennoch – wir waren bereit, das Abenteuer Start-Up zu wagen und die gewaltige Herausforderung mit Leidenschaft, Durchhaltevermögen und dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten anzunehmen.

So begaben wir uns auf den abwechslungsreichen und intensiven Weg des Unternehmerlebens – und starteten in das vermutlich aufregendste und sicherlich lehrreichste Kapitel unseres Lebens.

Doch wie habe ich als Mitgründer die letzten drei Jahre erlebt und welche Aufgaben kamen auf uns zu? Hier ein kurzer Einblick.

Die ersten Schritte

Für mich stand zunächst die Erstellung eines (zugegebenermaßen zu Beginn sehr spekulativen!) Finanzplans für unser Vorhaben auf dem Programm. Die brennende Frage, die es zu klären galt: Wie finanzieren wir den Unternehmensaufbau überhaupt, wovon bezahlen wir unsere Miete, wie akquirieren und wovon bezahlen wir neue Mitarbeiter und wann droht ein Liquiditätsengpass? Dabei war einerseits die Berechnung der Serverkosten, der Marketingausgaben sowie das Schätzen des Personalaufwands von Bedeutung, und andererseits – da Umsätze üblicherweise eine ganze Weile auf sich warten lassen - das Abschätzen des Investitionsbedarfs für eine ausreichende Stärkung des Cash Flows.
Mit diesen Ergebnissen war es mir anschließend möglich die Rohversion eines „Pitch-Decks“ zu erstellen, also eine erste Investorenpräsentation. Unterstützung kann man als Start-Up immer gebrauchen, deshalb zögerten wir nicht, Berater und Coaches für unsere Idee zu gewinnen – anfangs vor allem Professoren an unserer Heimatuniversität in Karlsruhe (KIT) und in dem angepeilten, neuen zu Hause in München (TU München). Diese sollten als Mentor für das angestrebte Gründerstipendium „Exist“ fungieren, für das wir zusätzlich einen Kurz-Business Plan erstellen mussten. Kurz war jedoch, wie wir merkten, leicht untertrieben: letzten Endes umfasste mein Werk fast 40 Seiten!
Eine gute Idee und ein einprägsamer Name sind zu einem nicht unerheblichen Teil bedeutend für den Erfolg eines Unternehmens. Daher war uns die Prüfung eines Patentschutzes für die beabsichtigten Algorithmen sowie die Eintragung ener Marke sehr wichtig – was mich ebenfalls in der ersten Phase eine gewisse Einarbeitung und sehr viel Zeit kostete.

Die erste Finanzierung

Nach der Zusage für das Exist-Gründerstipendiums mit der ersten Rate im März 2011 waren die noch bescheidenen Lebenshaltungskosten des Gründerdaseins gedeckt und es stand der GmbH-Gründung im Juli 2011 nichts mehr im Wege. Crowdfunding und Co
Das Gründerteam war eifrig dabei das Produkt zu entwickeln, ein „smartes Online Archiv“ für den Endnutzer. Um die Entwicklung weiter voranzutreiben und erste Mitarbeiter – insbesondere weitere Software-Entwickler - einzustellen wurde eine Seed-Finanzierung benötigt. Wir entschieden uns, dies mit dem damals in Deutschland noch relativ neuem „Crowfunding“, also einer Beteiligung für Mikroinvestoren im Zuge vieler kleiner Investments durchzuführen. Als Plattform haben wir Seedmatch gewählt, ein bisschen blauäugig, wie sich später herausstellen sollte. Nachdem wir Ende November mit unserem Crowdfunding Angebot live gingen, hatten wir unser Funding Limit von 100.000 Euro innerhalb 60 Stunden erreicht – damals ein Rekord - und ein Grund zum Feiern. Kurz darauf tauchte ein Konkurrent auf, doo.net, vorher noch völlig unbekannt und sammelte – vor Produktlaunch (!) fünf Millionen € VC von den größten und namhaftesten deutschen Risikokapitalgebern ein. Dies beunruhigte uns anfangs doch nicht unerheblich, ein ähnliches Konzept, erfahrene Unternehmer und soviel mehr Geld, könnte dies eine große Gefahr werden? Schnell merkten wir allerdings, dass wir gemeinsam einen viel größeren Wettbewerber hatten: den Status Quo. Ein marktfähiges Produkt zu entwickeln, welches einen echten „Pain“ löst und von Nutzern regelmäßig und aktiv verwendet wird, stellte sich für uns und unsere Wettbewerb als wahre Herausforderung heraus. Im Laufe der Zeit wurde deutlich, dass die Gründerteams für ihr jeweiliges Start-Up die Strategien immer weiter voneinander aufbrachen – Gini konzentrierte sich auf die alles entscheidende Semantik-Technologie, um Dokumente maschinell zu verstehe, während Doo.net auf verschiedensten Plattformen Apps gelauncht hat, welche inhaltlich allerdings weit weniger mit den textuellen Informationen anfangen konnten. Zwei Jahre später die große Überraschung für uns: doo hat das Produkt mangels „Traction“ eingestellt.
Von den 100.000€ aus der Crowdfunding Runde stellten wir damals die ersten Praktikanten und Werkstudenten ein, die ersten Festanstellungen folgten kurz darauf im ersten Quartal 2012. Das Produkt, ein Dokumentenarchiv, das automatisch hochgeladene Dokumente verschlagwortet, befand sich seitdem in einer geschlossenen Betaphase und war durchaus schon benutzbar. Neben weiteren Neuanstellungen und etlichen Gründerwettbewerben und Preisen die wir gewinnen durften, wie dem Evobis Businessplan Wettbewerb und dem BitKom Innovators Pitch, widmete ich meine Zeit hauptsächlich der Suche nach einer Anschluss Finanzierung und traf mich mit mehreren Risikokapitalgebern.

Ein alter Bekannter

März 2012. Plötzlich klingelte das Telefon. Die Telekom am Apparat. Ungefähr ein Jahr nachdem wir die Telekom mit unserer intelligenten Dokumentenarchiv-Lösung kontaktierten und eine Partnerschaft ansprechen wollten – der Konzern versicherte uns selbstbewusst „Daran arbeiten wir im Konzern auch selbst; wir kriegen das schon selber hin“, meldeten sie sich wieder und mussten eingestehen, dass dies doch nicht so leicht zu bewerkstelligen sei. Nicht nur dass, sondern auch, dass sie an unserer Lösung nun doch interessiert wären - und ob man sich nicht zwecks Investment unterhalten könne. Und so kam es nach wenigen Gesprächen im Juli 2012 zur mündlichen Zusage, man wolle einen siebenstelligen Betrag investieren. Die Freude war groß, ein namhafter VC-Investor gefunden, das Geld wurde auch dringend gebraucht. Doch dann folgte kurzdarauf Ernüchterung. Ein Ruf aus der Vergangenheit.

Der Dealbreaker

Und nicht nur einer, sondern gleich mehrere. Es stellte sich nämlich heraus, dass die mit Seedmatch getroffenen Verträge über das erfolgte Crowdfunding, nicht VC-tauglich waren. Kurzum: nach detaillierter juristischer Prüfung wurde deutlich, dass die geschlossenen Verträge für jeden professionellen und institutionellen Investor ein No-Go waren. Und das obwohl uns damals von Seedmatch versichert wurde, dass eine Crowdfinanzierung kein Hindernis für spätere Finanzierungsrunden sei. Angefangen von gewissen Klauseln wie Verwässerungschutz der Mikroinvestoren, keinem Drag along (Mitveräußerungspflicht) bis zu dem Fakt, dass sich ein VC mit 140 Mikroinvestoren befassen müsste, von denen jeder einzelne einem Millionenschweren Exit hätte widersprechen können - alles Gründe, die VC Finanzierung scheitern zu lassen.
Es dauerte über drei Monate, die Dealbreaker auszuräumen, die Crowdfunding Anteilseigner einzeln zu einer Unterschrift zu bewegen, sich entweder mit attraktiver Rendite ausbezahlen zu lassen oder zu in einer Unterbeteiligungsgesellschaft „gepoolt“ zu werden. Die Nerven lagen blank: Hätte auch nur ein einzelner der 140 Mikroinvestoren den neuen Verträgen nicht zugestimmt, wäre der Deal geplatzt und die Firma wenige Tage später bankrott.
Doch die Arbeit hatte sich gelohnt, nach nächtelangen Briefe schreiben, kuvertieren und Verschicken, unterschrieben alle Mikroinvestoren eines der Angebote - einem VC Investment stand nun nichts mehr im Wege. Das Geld kam schließlich, wir konnten aufatmen.

David vs. Goliat

Die Deutsche Post suchte gegen Ende des Jahres 2012 nach Partnern, um das Angebot des E-Post Briefs attraktiver und mit Mehrwerten für den Kunden zu gestalten. Unter den Möglichen Kandidaten waren auch Branchenschwergewichte wie IBM. Den Zuschlag bekam jedoch nicht der IT-Gigant oder Unternehmen, die seit Jahrzehnten mit Dokumenten hantierten und zu wahren Branchengrößen zählten – sondern das damals keine 15 Mann umfassende Start-up Gini. Bekannt gegeben wurde die Zusammenarbeit im April 2013 und die Post wurde somit zum ersten zahlenden Kunden Ginis.
Um die Vorgaben der Dokumentenerkennung des neuen Partners zu erfüllen, wurde damit begonnen eine einfache Schnittstelle zu schaffen, an die auch andere Unternehmen angebunden werden können. Außerdem wurde nach weiteren Anwendungsmöglichkeiten für die erforschte Semantik-Erkennung gesucht. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch der ursprüngliche Name „smarchive“ fallen gelassen – das smarte Archiv passte nicht mehr zum jetzigen Fokus als Semantik-Anbieter, der intelligente Helferlein anbieten möchte. Es folgte ein Rebranding, aus smarchive wurde schließlich Gini.

Plötzlich in der Finanzbranche

Aus einem neben zufälligen „Spaß-Projekt“, Rechnungen probeweise per Foto zu bezahlen, entstand gegen Ende 2013 eine Stand-alone App, die genau dies ermöglichte: „Gini Pay“. Und wir fanden uns damit plötzlich als FinTech Startup wieder, also als Aufmischer der Finanzbranche. Die App gefiel, setzte sie ein Feature der „Fotoüberweisung“ wie sie von Apps wie iOutbank schon rudimentär für Überweisungsträger angeboten wurde um, und brachte sie auf ein gänzlich neues Niveau. Die Erkennung kompletter Rechnungen ohne jeglichen QR-Code, mit automatischer integrierter Überweisung, begeisterte schnell Blogger und AppStore-Nutzer in Deutschland. Wir bewarben uns zudem bei mehreren Wettbewerben und wurden daraufhin mit diversen hochkarätigen Preisen ausgezeichnet, wie z.B. dem Vision Award oder „Best of Mobile“; die Presse hat uns daraufhin als spannende Alternative zu den üblichen Verdächtigen gefeiert. Und so schafften wir es zeitweise auf Platz 1 in den iTunes Download Charts der Finanz Apps. Noch jemand wurde auf uns aufmerksam: Deutschlands drittgrößte Privatbank. Diese fand unsere App Gini Pay so gut, dass schon im Februar 2014 eine neue Partnerschaft verkündet werden konnte: Gini und die ING DiBa arbeiten jetzt zusammen. Und Gini Pay erscheint in Kürze als Feature der ING DiBa mobile Banking App.

Es folgten noch weitere Partnerschaften mit Firmen wie eInvoicing-Unternehmen (bspw. Billomat), die den Focus weiter in Richtung B2B richteten. Aus dem eigentlich vor vier Jahren geplanten intelligenten Dokumentarchiv für Privatnutzer hat sich einige Zeit später eine Hochtechnologie zur automatisierten Verarbeitung von Text entwickelt, die nun von mehreren Branchenriesen eingesetzt wird. Dies geschah rückblickend alles andere als geplant, doch es hat sich gerechnet: 2013 wurden im ersten Jahr nach „Go-Live“ der Semantik-Schnittstelle Umsätze von €1MIo. erwirtschaftet. Der Erfolg führte schließlich zur Entscheidung, die Entwicklung des Privatkunden- Archivs zugunsten der Technologie erst einmal hinten anzustellen und alle unsere Kompetenzen in der Technologie zu bündeln. Und hier stehen wir nun, 25 Mitarbeiter, exzellente Investoren, eine potente, von der grünen Wiese auf eigenentwickelte Technologie und Best-In-Class Kunden im Rücken. Von hier an planen wir nun die nächste Revolution. Welches Gebiet es sein wird? Man darf gespannt sein ;)

Fazit

Nach über drei Jahren Start-up Erfahrung als Mitgründer kann ich sagen:

Gini war eine viel krassere Achterbahn als gedacht -
mit viel extremeren Höhen als erwartet (Post-deal, Einstellung Top-;itarbeiter, VC-Runde etc.) und unfassbar harten Rückschlägen und beinahe-Pleiten (VC / Seedmatch-Zeit)

Aber unterm Strich: der beste Job, den ich mir vorstellen kann.

- Steffen Reitz, Mitgründer von gini.net

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