Gestern war wieder so ein Abend...

Anonym 01.12.02 06:15

Diese Stadt ist so verdammt riesig und trotzdem kann man sich manchmal so verdammt einsam fuehlen - Tokyo.

Gestern war Sonnabend. Bin vor Langeweile mittags ins Office, habe den Kram erledigt, der eigentlich nicht so richtig wichtig ist, etwas desk clean up, die Woche abgeschlossen, etwas Internet...

Und danach? Wie am Vorabend mit Kollegen durch Bars & Clubs ziehen? So etwas zwischen Zeit totschlagen und trotzdem irgendwie Business - richtig frei ist man nie - es sind eben keine Freunde.

Freunde hier? Negativ. Etwas interkultureller Austausch, um sich vorzumachen, auch noch andere Interessen zu haben? Vielleicht ganz nett aber anstrengend. Jeder, ob Kollege oder Nicht-Kollege-Auslaender, ist hier in einer Extremsituation, und so sind die Beziehungen hier mehr zweckbestimmt als woanders.

Also keine echten Freunde hier und keine Lust auf Kollegen und andere Zeit-Killer-Bekannte.

Wieder alleine ins Kino? Okay, sich mal wieder dieser Grossstadteinsamkeit hin- und ergeben. Es tut auch mal gut, etwas Traurigkeit zuzulassen. Abschalten von stressigen Tagen im Handelsraum, diese klinische blinkende Computerwelt, off-balance, Accounting & tax loopholes, aritrage, credit trading...

Danach im Rgen noch eine Weile im diffusen Nachtlicht an Hochhaeusern und Luxus-Hotels vorbei. Bloss jetzt nicht den MD-Player ausschalten, sonst geht man verloren - die Musik schuetzt, man gehoert nicht richtig dazu, ist im eigenen Kino, nur keiner schaut zu.

At home. Langsam wieder Realitaet. Immer noch alleine. Die Flyer im Briefkasten durchgehen - eine dieser CallGirl-Nummern waehlen? Klappt sicher nicht; wahrscheinlich nur diese teuren Telefonnummern-jokes dahinter. Noch mal raus und im naechsten Rotlichtviertel spazieren gehen...sich ansprechen lassen und doch zuviel Schiss haben...die Gedanken gehen schon seltsame Wege, wenn man sich einsam fuehlt.

Okay. Doch besser ein Buch sehr lange sehr fest halten und hoffen, bis dass einen die Muedigkeit erloest.

Vielleicht finde ich am Sonnatg auch noch unwichtigen Kram im Office, den ich erledigen kann. Und zum Glueck ist bald wieder Montag.

  1. Jan... 01.12.02 10:47

    Wenn man oben steht und runter schaut, sieht es wie ein riesiges Ocean der Lichter. Ueberall glitzert es und die Lichter wollen bezaubern, hypnotisieren. Rufen einen das Leben zu geniessen. Rufen einen auf, in die Stadt einzutauchen, sich und das Geld ;) zu verlieren. Man steigt in Lift des Nordturms des Tokyo Metropolitan Goverment Offices, wird von einen tiefer Verbeugung verabschiedet und taucht ein. :)

    Wochenende: Asakusa, Ueno Park, Nikko, Kamakura, etc. So viele Moeglichkeiten. Nachtleben: Roppongi, Shibuya, etc. So vieles, was man erleben kann. So teuer und doch oft so interessant.

    Japanische Gastfreundschaft, Freundschaft oder bloße Freundlichkeit? Alles ist da! Wie ueberall auf der Welt findet man sie auch hier. Waerme, das Gefuehle sich Geborgen zu fuehren. Man sitzt zusammen, reist zusammen, teilt vieles gemeinsam. Man trinkt Sake, versinkt in eine Halbwelt, erzaehlt vieles oder schweigt, geniesst die Waerme.

    Wieso wird man so freundlich empfangen? Wieso so reichlich beschenkt? Wieso darf man mit ihnen in Ihren Haeusern leben? An Ihrem Leben teilhaben?

    Echte Freundschaften sind so kostbar und seltsam hier wie ueberall auf der Welt, ob in Dtld., USA, Russland oder Japan. Aber man findet sie und dann koennen sie genauso tief sein wie in anderen Laendern oder tiefer wie in anderen Laendern. Aber es stimmt, dass man hier sehr viel fruendlicher empfangen wird, dass die Menschen sehr ungern Nein sagen und deshalb man oft mehr Zeit braucht.

    Lichter, blitzender Lichte, Laerm, Musik, Gelaechter, Pachinko, Sushi, Riesenrad, Love Hotel, mehr Lichter, Prada, Louis Vuitton, Louis Vuitton, Louis Vuitton, *lach* ........

    Die Moeglichkeit alles zu machen und doch nicht aufzufallen, weil hier alles was auffaellt, nicht wahrgenommen wird. Unsichtbar ist. Unscihtbar sein koennen, weil sowieso auffaellt und einen Sonderstatus besitzt. .....

    Sie schaut Dich an. Manchmal laechelt sie Dich an. Manchmal ist es nur ein fluechtiger Blick. Wenn Du jetzt reagierst erwartet Dich ein Abenteuer!! Moeglicherweise wirst Du sie nie wieder vergessen. Moeglicherweise wirst Du nur ueberrascht sein, wie wunderschoen die Verpackung war und wie wenig dahinter. Oder nur ein aufregendes Gespraech erleben, weil sie an der Sprache interessiert war. Oder ein Verprechen erhalten. Ein Versprechen auf ein Wiedersehen. Auf eine Fahrt im Riesenrad. Auf danach. *inseineErinnerungeneintauchtundandieZukunftdenkt*

    Kein Europaer, der nicht selbst hier ist oder war, wird es verstehen koennen, welchen Spass z.B. ein Riesenrad in Japan machen kann, eigentlich ist es nicht das Riesenrad *vertraeumtschaut*, aber es gehoert einfach dazu.

    Muedigkeit ist ueberall. Das stimmt. Man arbeitet hier, danach geht es noch woanders hin. Wenn man alles mitmacht, ist man im Extremzustand. Und so muede. Macht man sich zunaechst noch lustig ueber sie, die in Zuege einschlafen und mit ihren kleinen Koepfen herumwippen; bis man dann irgendwann an der Schulter einer Japanerin in Tokkyu schlagartig aufwachst und ein "Sumimasem" aus der den Mund automatisch geschossen kommt. Danach ist man nur muede und geniessst auch die Muedigkeit. Auch sie gehoert dazu, wenn Du bist in den spaeten Morgen mit ihnen bist.

    Sonntag. Die Woche faengt also an. Eine aufregende Woche, wenn man will. ;)

    Doch eins stimmt auch: es gibt viel schoenere Staedte in Japan um seine jungfraeulichen Erfahrungen zu sammeln. Viel "kleinere" *schelmischgrins*, wie z.B. Osaka, Kobe, Okamoto, etc. Viel kleiner aber doch viel schoener als Tokyo. Moeglicherweise sollte man nicht mit Tokyo anfangen; denn es kann schon sein, dass man statt zu lieben zu hassen anfaengt. Die Grenze ist hier oft sehr fliessend.

    Jan, der immer noch so muede ist und doch so ......... ist

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  2. dro... 01.12.02 22:00

    vor euren literarischen Fähigkeiten kann ich da nur sagen. Obwohl mir da ja so einige melancholische Züge zum Vorschein kommen, haben mir eure zwei "Kurz-Erfahrungsberichte" wirklich sehr gefallen. Mal etwas erfrischendes bei squeaker.net....klasse!

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  3. DaH... 01.12.02 22:14

    Könnte man ausbauen, oder?

    gruß
    alex
    www.flingnet.de

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  4. runaway 02.12.02 11:27


    Alleinsein in der Lichterflut der Großstadt...an sich ist es aufregend und auflockernd....wenn da nicht doch der Schmerz tief in der Seele sitzen würde. Wenn mich nicht ihre Augen so - naja "so" halt - anschauen würden.
    Fremd fühle ich mich in dieser Stadt nicht, weil ich die Leute nicht kenne, weil ich ihre Sprache nicht verstehe oder etwa weil ich keine Freunde hier habe; sondern, weil mit jedem Atemzug die Trennung mir mehr zu schaffen macht. "Mit jedem Atemzug erleidet der Mensch ein Stück mehr Realität und entfernt sich von seinem Traum." sagte einst ein Autor. Er meinte auch das Wort "leiden", stellte ich jetzt fest.

    "Pass auf, daß du dich nicht wieder erkältest!" waren ihre letzten Worte auf dem Düsseldorfer Flughafen. Sie dachte da an die letzte große Erkältung, die ich von einer Reise mitgebracht hatte. Als hätte sie meine Gedanken gelesen: Auch ich dachte an diese Erkältung. Bedingt durch die hektische Dynamik bzw. dynamische Hektik, die nur Reisenden an Kontrollschranken eigen ist, verloren sich unsere Blicke.

    Verloren in jener melancholischen Lage tat mir das künstliche Licht nicht wirklich gut. Doch was tun? So ein mittelmäßiges Hotelzimmer kann nach 3 Wochen erstickend auf einen wirken. Das Lesen von Zeitungen, Büchern oder das Schreiben von Tagesberichten (oder auch Gedichten) wirkt auch nicht mehr erlösend. Der Besuch bei Freunden, die ich ja auch in dieser Stadt habe, deprimiert umso mehr. Die gleichen Antworten auf die gleichen Fragen zeugen von jener Monotonität des Empfindens, der ich derzeit unterliege. Worin sich das äußert?? Jeder Satz fängt mit "Ich" an!

    Ich schritt voran auf der trotz des Dauerregens belebten Einkaufsstraße, dachte an jenes Gedicht:

    And on rainy days,
    When I come out of my cafe
    Late at night..
    The streets are so clean
    And shining in the lanterns' light...

    By every drop I feel in my face..
    I feel You...feel your eyes' blue...
    And feel yor taste...

    .....

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  5. Hen... 02.12.02 21:07

    Hmmm ... kenne ich auch... aber dafür musste ich nicht in die Grossstadt ziehen - eher umgekehrt.

    Jungs, kommt mal nach Köln - hier laufen viele Leute mit hoher sozialer Kompetenz und Interessen rum.

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