Wir werden weniger über Bauchgefühle diskutieren

Im Gespräch mit Jan Rodig, 42, Partner bei Struktur Management Partner.

Deine Tochter ist aktuell vier Jahre alt. Wenn sie in 20 Jahren ins Consulting einsteigt, wie sieht ihr erster Arbeitstag wohl aus?

Jan: Ich würde mich freuen, wenn meine Tochter beruflich etwas ganz anderes ausprobiert als ihre beiden Berater:innen-Eltern, vielleicht wird sie ja Profi-Surferin oder sowas (lacht). Aber um bei Ihrer Frage zu bleiben: Ein vorstellbares Szenario wäre, dass physische Begegnungen etwas so extrem Außergewöhnliches geworden sind, dass sie höchste Wertschätzung signalisieren. Daher trifft man am ersten Arbeitstag die neuen Kolleg:innen ausnahmsweise mal physisch. Vielleicht am Strand? Oder in den Bergen?

Möglicherweise haben sowohl Kunden als auch Berater:innen gar keine regulären Büros mehr und man trifft sich stattdessen in perfekten Meeting-Locations an schönen Orten, die einfach as-a-service gebucht werden können.

Wie könnte ein Consultant-Arbeitstag im Jahr 2041 aussehen? 

Jan: In einem extremen Szenario werden unternehmerische Entscheidungen (fast) vollständig autonom von Algorithmen auf Basis künstlicher Intelligenz und leistungsfähiger Quantencomputer getroffen. „Beratungsleistungen“ werden dann ebenfalls durch Algorithmen erbracht. 

In einem moderateren Szenario werden zumindest fast alle unternehmerischen Aktivitäten detailliert mit digitalen Daten erfasst. Berater:innen können auf diese Daten remote zugreifen und die meisten Handlungsempfehlungen automatisch generieren. Berater:innen verbringen ihre Zeit dann vor allem mit Business-Judgement-Fragestellungen, Change Management und (kreativen) Innovations-Workshops, also Dingen, die dann noch nicht automatisierbar sind.

Wo arbeitet man und wie kommt man dort hin?

Jan: Wenn man reist, dann vermutlich viel schneller und hoffentlich viel umweltfreundlicher als heute. Auf Langstrecken könnte das beispielsweise mit einem Hyperloop passieren, auf kürzeren Strecken eher autonom mit emissionsfreien, selbstfahrenden Drohnen oder Taxis. Möglicherweise haben sowohl Kunden als auch Berater:innen gar keine regulären Büros mehr und man trifft sich stattdessen in perfekten Meeting-Locations an schönen Orten, die einfach as-a-service gebucht werden können. Vielleicht klappt es ja auch bis dahin endlich mit dem Teleportieren 😉

Wie viele KI-Kollegen sind im Einsatz?

Jan: Ich bin überzeugt davon, dass alle Consultants dann Experten im Einsatz von künstlicher Intelligenz sein müssen. Zum einen werden solche Tools bewusst eingesetzt werden für Analysen und zur Generierung von Handlungsempfehlungen. Zum anderen wird uns KI sicherlich auch unbewusst zur Seite stehen in Form zahlreicher intelligenter Assistenten, die wir über Sprache steuern und die uns im Berater:innenalltag bei vielen manuellen Tätigkeiten unterstützen – sei es bei der Beschaffung von Daten oder der Buchung einer Reise. Klassische Pyramidenstrukturen von Professional Service Firms müssen dann sicherlich ganz neu gedacht werden.

Wie läuft ein Meeting ab?

Jan: Wahrscheinlich wird es nur noch zu ganz besonderen Terminen echte Meetings geben. Die Regel könnten digitale Meetings auf Basis von Virtual Reality oder Hologrammen werden – zwar virtuell, aber man merkt das nicht mehr wirklich, weil es sich so echt anfühlt. Inhaltlich, denke ich, werden sich Meetings stark verdichten: Wenn wir stärker datengetrieben arbeiten und weniger über Meinungen und Bauchgefühle diskutieren, werden Meetings sicherlich insgesamt weniger werden und kürzer ausfallen.

Wie viele Stunden arbeitet man am Tag?

Jan: Vermutlich so viel wie man möchte, um sein Grundeinkommen zu ergänzen und seiner Leidenschaft zu folgen. Arbeit wird aus meiner Sicht deutlich flexibler werden: sowohl was die grundsätzlichen Arbeitsmodelle betrifft als auch bezüglich der Arbeitszeitmodelle.

Welche Tools wurden erfunden, die den Job erleichtern?

Jan: Bis 2041 wird es vermutlich für jede unternehmerische Fragestellung ein digitales Werkzeug für Analysen und teilweise automatische Entscheidungsfindung geben. Schon jetzt entstehen und skalieren bereits zahlreiche spannende Tools und Plattformen, welche die Arbeit von Berater:innen mindestens ergänzen und teilweise auch stark verändern werden, beispielsweise im Bereich Process Mining und Execution Management oder auch im großen Feld Data Analytics. 

KI wird uns sicherlich auch unbewusst zu Seite stehen in Form intelligenter Assistenten, die wir über Sprache steuern und die uns bei vielen manuellen Tätigkeiten unterstützen, sei es bei der Beschaffung von Daten oder der Buchung einer Reise.

Was erscheint heute total wichtig, über das man in 20 Jahren nicht mal mehr redet?

Jan: Dienstwagen – hoffentlich (lacht). Und sicherlich werden viele administrative Dinge wie bspw. das Ausfüllen von Time­sheets oder die Erledigung von Reisekostenabrechnungen dann von KI-gestützten Tools übernommen oder zumindest vorbereitet. In vielen Beratungshäusern zählt heute auch noch Face-time sehr viel, also die Zeit, die man im Büro ist, unabhängig von der Produktivität. Auch das wird hoffentlich abnehmen.

Welche Projekte sind besonders gefragt?

Jan: Aus meiner Sicht wird wirksame Transformationskompetenz immer wichtiger. Dazu muss man verstehen, wie sich digitale Technologien ent­wickeln, nämlich expo­nentiell. Die sogenannte VUCA-Welt beschleunigt sich dadurch immer stärker. Das führt dazu, dass Unternehmen zunehmend schneller in Umbruchssituationen geraten und somit auch immer öfter sehr schnell umsteuern müssen, um zu überleben und auch neue Geschäftschancen zu nutzen. Der entsprechende Handlungs- und Beratungsbedarf wird dramatisch steigen.

Welche Ausbildung werden die Berater:innen der Zukunft durchlaufen?

Jan: Generische Problemlösungsfähigkeiten werden unverändert wichtig bleiben, ebenso soziale Kompetenzen. Technologiekompetenz, also beispielsweise Softwareentwicklung, Umgang mit Machine Learning oder Big-Data-Analysen, wird massiv an Bedeutung gewinnen und vom „nice to have“ zum absoluten „must have“ werden. Darüber hinaus bedeutet ein immer schnellerer technologischer Fortschritt für jeden Einzelnen von uns vor allem die Bereitschaft und Fähigkeit zum lebenslangen Lernen – und entsprechende Resilienz. Lebensläufe werden weniger linear, dafür aber deutlich abwechslungsreicher. Wer die darin liegenden vielfältigen Chancen erkennt und konsequent nutzt, wird eine spannende Zukunft haben. Ich persönlich freue mich auf mehr Vielfalt in unserer Branche! 

Jan Rodig ist renommierter Experte, Keynote Speaker und seit zwei Jahren Partner bei Struktur Management Partner für die Themen Digitale Transformation, Analytics und Innovation. Mit 29 Jahren hat er die Gründung der Desertec Industrieinitiative als COO mitgestaltet, war Strategieberater und gründete einen Softwaredienstleister für IoT/Industrie 4.0, den er zu einem mittelständischen Unternehmen entwickelte.

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