Mysterium Arbeitszeugnis: Top 10 Insiderfacts um den Code zu verstehen

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Das Arbeitszeugnis klingt fantastisch aber eigentlich ist es für den neuen Job weniger wert als das Papier auf dem es steht. Mit unseren 10 Insiderfacts, kannst du trickreiche Formulierungen im Arbeitszeugnis schnell entschlüsseln.

Nadel im Heuhaufen, passend
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via fotolia

Der letzte Tag im Job. Die Tür schließt sich. Und du bist bereit, so schnell wie möglich, eine neue aufzustoßen. Schließlich hast du ein hervorragendes Arbeitszeugnis im Gepäck. Oder vielleicht doch nicht? Für viele liest sich die Beurteilung durch den Chef nämlich wie ein Buch mit sieben Siegeln. Davon ausgenommen sind jedoch Recruiter, die den Code kennen und jede noch so kleine, trickreiche Formulierung verstehen. Mit nur einem Wort werden nervige Pausenclowns, Schlafmützen oder mangelnde Kenntnisse schonungslos entlarvt. Damit deine Karriere weiterhin zu deiner vollsten Zufriedenheit verläuft, haben wir für dich in unseren Top 10 Insiderfacts den geheimnisvollen Code der Arbeitszeugnisse entschlüsselt.

1. First things first: Die richtige Struktur eines Arbeitszeugnisses

Bevor wir ans Eingemachte, nämlich an die Übersetzung von Formulierungen und Keywords gehen, zeigen wir dir, wie ein korrekt aufgebautes Arbeitszeugnis aussehen muss. Schließlich ist es dein gutes Recht am Ende eines Jobs ein Zeugnis in den Händen zu halten, das alle Qualitätsanforderungen erfüllt. Ist das nicht der Fall, darfst du eine Nachbesserung verlangen. That’s the way it goes: 

  1. Eindeutige Überschrift (z.B. Arbeitszeugnis). Bei einer Bewerbung mit einem umfangreichen Dossier an Arbeitszeugnissen, Abschlusszertifikaten und Arbeitsproben sollte klar ersichtlich, worum es geht. 
  2. Stammdaten des Arbeitnehmers. Dazu gehören Name, Geburtstag- und Ort. 
  3. Tätigkeitsbeschreibung. Hierunter fallen die wichtigen Keywords und Aufgabenbereiche, die deinen Arbeitsalltag ausgemacht haben. So sieht der Recruiter auf den ersten Blick, ob du das richtige Handwerk mitbringst. 
  4. Beurteilung von Leistung und Sozialverhalten. Hier stecken die geheimnisvollen Formulierungen, um die sich im Folgenden alles dreht. 
  5. Zeitpunkt und Beendigungsgrund des Arbeitsverhältnisses. „Auf eigenen Wunsch“ oder aus „betriebsinternen Gründen“ sind klassische Formulierungen, die mehr über das Warum deines Ausstiegs verraten. 
  6. Schlussformel & Wünsche. An dieser Stelle drückt dein Arbeitgeber beispielsweise sein Bedauern über deinen Ausstieg aus, wünscht dir aber für die Zukunft alles Gute. Formalien. Unterschrift, Firmenstempel und Datum bringen das Arbeitszeugnis zum Abschluss. 

2. Qualifiziert, einfaches Zeugnis oder Zwischenzeugnis?

Arbeitszeugnis ist nicht gleich Arbeitszeugnis. Man unterscheidet grundsätzliche zwischen drei verschiedenen Arten. Das einfache Arbeitszeugnis beinhaltet sachliche und rein objektive Fakten zu deiner Beschäftigung. Darunter: Was du von wann bis wann gemacht hast und ob du die Aufgaben tatsächlich erfüllt hast. Für ein kurzes Praktikum ist das noch ok. Bei einem längeren Job solltest du auf ein qualifiziertes Zeugnis bestehen. Das qualifizierte Arbeitszeugnis enthält neben den reinen Fakten eine subjektive Beurteilung deiner Leistungen und deines Sozialverhaltens. Du bist schon lange dabei, eine Betriebsübernahme steht an, aber dir fehlt ein Feedback? Kein Problem, dann darfst du deinen Chef jederzeit nach einem Zwischenzeugnis fragen. Hier solltest du aber vorsichtig vorgehen und deinem Arbeitgeber nicht gleich das Gefühl vermitteln, dass du auf dem Sprung zum nächsten Job bist. Eine verwandte aber spezielle Form des Arbeitszeugnisses ist übrigens die MBA Recommendation, ein Empfehlungsschreiben für die erfolgreiche MBA Bewerbung. 

3. Die Note

Es ist ganz einfach. Wenn sich locker mal 50 Bewerbungen auf dem Schreibtisch eines Recruiters stapeln, wie es bei den großen Beratungen tatsächlich Standard ist, bleiben ihm nur wenige Minuten für jede einzelne Bewerbung Zeit. Der erste Blick ins Arbeitszeugnis gebührt daher der Grundbenotung, die sich rund um das kleine Wörtchen Zufriedenheit verbirgt. 

Notenschlüssel für das Arbeitszeugnis

• "Stets zu unserer vollsten Zufriedenheit" Sehr gut! Mit dem Zeugnis kannst du dich problemlos überall sehen lassen. 

• "Stets zu unserer vollen Zufriedenheit" Gut. 

• "Stets zu unserer Zufriedenheit / Zu unserer vollen Zufriedenheit". Befriedigend. Und damit leider absolutes Mittelmaß. Ab hier wird es schwierig bei einem Recruiter unter den Top Kandidaten zu landen. 

• "Zu unserer Zufriedenheit". Ausreichend. Oh oh...was ist denn hier los gewesen? Sollte die Grundbetonung bei einer 4 oder sogar darunter liegen, solltest du dringend das Gespräch mit deinem Arbeitgeber suchen. Das Zeugnis ist völlig unbrauchbar. Gesetzlich ist sogar festgelegt, dass ein Zeugnis mit einer Note schlechter als 3 einer triftigen Begründung bedarf. 

• "Im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit". Mangelhaft. 

• "Zu unserer Zufriedenheit zu erledigen versucht". Ungenügend.

4. Zu gut, um wahr zu sein = zu gut, um zu nützen

Klingt schräg? Ist es aber nicht. Ist dein Arbeitgeber derart voll des Lobes für dich und spickt dein Zeugnis mit fulminanten Superlativen und ausgezeichneten Bestnoten, ist das Papier mit Vorsicht zu genießen. Warum? Es wirkt einfach unglaubwürdig und klingt verdächtig nach einem Gefälligkeitszeugnis. Beispielsweise, um dich schneller loszuwerden. Oder hast du das Zeugnis vielleicht sogar selbst vorformuliert? Geübte Recruiter entlarven solche unglaubwürdigen Gefälligkeitszeugnisse sofort und lassen sie direkt in die Tonne wandern.  

5. Autsch – diese versteckten Botschaften verheißen nichts Gutes

Ihr hattet ein schlechtes Verhältnis, es hat einfach nicht gepasst oder dein Chef ist einfach ein richtiger Fiesling, der trotz großartigem Einsatz kein gutes Haar an seinen Mitarbeitern lässt? Dann musst du besonders auf folgende Floskeln achten, in denen sich auf dem zweiten Blick nachteilige Beurteilungen verbergen.

• „Wir wünschen alles Gute und Gesundheit.“ Achtung, kränkelender Mitarbeiter, der dauernd ausfällt, weil er entweder chronisch krank ist oder gerne Urlaub auf Krankenschein macht.  

• „XY hat sich mit viel Einfühlungsvermögen um die Belegschaft gekümmert.“ Wir präsentieren Ihnen einen echten Charmeur, der unentwegt mit sämtlichen Kolleginnen flirtet und mit amourösen Abenteuern für emotionales Chaos sorgt.  

• „XY hat mit seiner ausgesprochenen Geselligkeit und seiner aufgeschlossenen Art zur Verbesserung des Betriebsklimas beigetragen.“ Hier kommt eine echte Stimmungskanone und Quasselstrippe. Partyähnliche Zustände im Büro während der Arbeitszeit inklusive.  

• „XY wurde in unserer Niederlassung in ... eingesetzt.“ Da wurde wohl jemand strafversetzt?  

• „XY war anspruchsvoll und besonders kritisch.“ Mein Gott, was für ein besserwisserischer Nörgler. 

• „XY hat alle Aufgaben ordnungsgemäß erledigt.“ Mehr aber auch nicht. Eigeninitiative dringend gesucht! 

• „XY verrichtete alle Arbeiten mit besonderer Sorgfalt und Genauigkeit.“ ... und brauchte dafür Stunden.

Insider-Tipp

Du musst selbst ein Arbeitszeugnis verfassen? Nutze unsere Arbeitszeugnis Muster:

squeaker.net Arbeitszeugnis-Vorlage

6. Schweigen ist Silber

Schweigt dein Arbeitgeber im Arbeitszeugnis gerne mal, wenn es um deine zentralen Hauptaufgaben geht oder nennt nebensächliche Aktionen vor deinem Keybereich, bedeutet das nichts Gutes. Vielmehr könnte ein solch beredetes Schweigen darauf hinweisen, dass du dich schlichtweg verzettelt hast und einer Herausforderung nicht gewachsen warst. Auch wenn deine Fachkenntnisse ohne eine genaue Beurteilung bleiben, steht es um dein Fachwissen in den Augen des Chefs schlecht. Eine andere Variante besteht darin, mit vielen Worten Selbstverständliches wie Pünktlichkeit oder Höflichkeit zu umschreiben, da es an Höchstleistungen einfach mangelte. 

7. Tückisches Understatement

In unserer Kommunikation mögen Aussagen wie „nicht unerheblich“ oder „nicht ohne Erfolg“ vielleicht noch höflich sein und auch in der Mathematik dreht sich Minus Plus Minus in ein positives Vorzeichen. Baut allerdings dein Chef in dein Arbeitszeugnis Elemente der doppelten Verneinung ein, kannst du davon ausgehen, dass dein Verhalten alles andere als positiv bewertet wurde. Eine Umschreibung wie „ohne Beanstandungen“ entlarvt dann eben doch eine nicht zufriedenstellende Arbeit, eine Formulierung wie „mit nicht unerheblichen Erfolg“ eine mangelhafte Erfolgsbilanz. 

Insider-Tipp

Auf squeaker.net kannst du dich mit unseren Mitgliedern über dein Arbeitszeugnis austauschen. Außerdem findest du hier zahlreiche Beispiele, wie Arbeitszeugnisse aussehen können.

8. Passiv bleibt passiv.

Ein beliebtes Instrument, um in Arbeitszeugnissen mangelndes Engagement auszudrücken ist der Gebrauch von passiven Formulierungen. Aufgaben, die erst übertragen oder erklärt werden mussten, sprechen nicht gerade für einen Arbeitnehmer mit einzigartiger Hands-on-Mentalität. Bei solchen Beurteilungen solltest du aktiv werden und unbedingt das Gespräch mit deinem Arbeitgeber suchen.  

9. Feine Unterschiede – Arbeitszeugnisse für Manager

Bei der Besetzung von Managerposten gelten ganz eigene Regeln. Dasselbe gilt auch für das Arbeitszeugnis eines Vorstandsmitglieds oder Geschäftsführers. Number One ist natürlich die Beurteilung und Beschreibung der Führungsqualitäten. Im Mittelpunkt steht dabei das Verhältnis zu den Kollegen und den Mitarbeitern. Hast du als Manager wichtige Impulse gesetzt, geht das auch der Beurteilung der unternehmerischen oder strategischen Kompetenzen hervor. Fehlen sie, fehlten wohl auch Engagement und Impulse. Und last but not least: Eine stichhaltige Begründung für das Ausscheiden darf nicht fehlen. Das kann eine neue berufliche Herausforderung, eine unterschiedliche Meinung über die Unternehmensstrategie aber auch eine Veränderung der Unternehmensstrukturen sein.    

10. Final Countdown

Liest sich dein Zeugnis eigentlich sehr gut, solltest du trotzdem noch einen genauen Blick auf die Schlussfloskel werfen. Gerne werden in ihr nochmal verborgene Hinweise für den Recruiter verarbeitet. „Wir danken für die stets sehr gute Zusammenarbeit und bedauern den Verlust sehr“ steht für eine klare Eins. Fehlt es der Floskel jedoch an dem bedeutenden Wörtchen „sehr“, rutscht du selbstverständlich eine Note runter. Heikel wird es bei umständlichen Formulierungen wie „wir kommen nicht umhin, uns zu bedanken“ oder auffallend kurzen Schlusssätzen a la „Wir danken für die Zusammenarbeit“. Hier unbedingt nachhaken. Der letzte Eindruck zählt.

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