Am stärksten hat sich die Geschwindigkeit verändert

Julia Aulbach, Associate bei BCG, wirft zusammen mit ihrem Kollegen Dr. Andreas Gocke, Managing Director and Senior Partner, einen Blick auf die Entwicklung der Consultingbranche seit der Jahrtausendwende.

Julia Aulbach BCG

Julia Aulbach ist Associate bei BCG. Sie hat Chemieingenieurwesen an der TU München studiert und ist bei BCG im Industrial-Goods-Sektor unterwegs. Außerhalb der Arbeitszeit findet man Julia im Sommer auf dem Tennisplatz, im Winter auf der Skipiste und dazwischen mit einer Lemon Tarte mit Freunden im Café. 

Dr. Gocke BCG

Dr. Andreas Gocke ist Managing Partner and Senior Director bei BCG. Er hat in Business Administration an der Universität St. Gallen promoviert und ist Global Leader der BCG-Praxisgruppe Chemicals. Privat trifft man den passionierten Klavierspieler und Architekturfan vor allem in den Bergen beim Wandern oder Skifahren.

Julia: Wann bist du bei BCG eingestiegen, und was hat sich seither am stärksten verändert? 
Andreas: Ich bin 1996 eingestiegen. Wow, das sind jetzt schon 25 Jahre. Fühlt sich überhaupt nicht so an. Womit wir wieder bei deiner Frage wären. Am stärksten hat sich nämlich die Geschwindigkeit verändert. Als ich in die Group eingestiegen bin, hatte kaum jemand ein Mobiltelefon. Statt Beamern gab es noch Overheadprojektoren – kennst du wahrscheinlich überhaupt nicht mehr. Aber dementsprechend hat alles länger gedauert. BCG hat damals auch das Thema Operations und speziell Time-based Competition vorangetrieben, was vielen unserer Kund:innen sehr geholfen hat.

Julia: Was ist Time-based Competition? Und welche Themen waren früher wichtiger als heute?
Andreas: Bei Time-based Competition geht es im Prinzip um Prozessvereinfachungen, um im jeweiligen Markt noch erfolgreicher zu werden. Damals gab es Themen wie Digital oder Sustainability – die für dich ganz selbstverständlich sind – noch überhaupt nicht. Das kam später. Sustainability ist ja erst seit ein paar Jahren ein großes Thema. Aber neben den thematischen Unterschieden haben sich einfach die Arbeitsbedingungen in den letzten Jahrzehnten am stärksten gewandelt.

Julia: Wenn du die Arbeit von heute mit damals vergleichst: Heute haben wir eigentlich einen Datenüberfluss. Durch das Internet haben wir Zugang zu allen möglichen Informationen. Glaubst du, dass die Qualität der Arbeit, der Output, dadurch besser geworden ist? 
Andreas: Die Qualität ist heute höher, keine Frage. Natürlich kann man durch die Masse an vorhandenen Daten auch mal den Blick für das Wesentliche verlieren, aber das war im Prinzip früher nicht anders. Deshalb lautet ja auch eines der fünf BCG-Purpose-Prinzipien: Conquer Complexity. Das ist heute herausfordernder als vor 25 Jahren, aber eigentlich eine ewige Challenge. 

Julia: Wie hat sich das Fähigkeitsprofil von Berater:innen in den letzten 20 Jahren geändert? 
Andreas: Die Fähigkeit, auf eine noch intelligentere Weise an Daten zu gelangen, sie zu priorisieren, zu bewerten, gehört einfach zum Skill-Set eurer Generation. Das war 1996 noch anders. Auch die Art, wie ihr kommuniziert, euch innerhalb von BCG vernetzt, das ist alles viel strukturierter. Bei uns ging es noch viel um persönliche Kontakte. Also: Wer kennt wen? Und damals kannte man fast alle bei BCG. Wenn es um spezifische Themen ging, sogar weltweit. Heute müsst ihr smarter an Infos gelangen und eure strukturellen Kanäle besser nutzen, und das macht ihr auch. Respekt!

Heute müsst ihr smarter an Infos gelangen und eure strukturellen Kanäle besser nutzen, und das macht ihr auch. Respekt!

Julia: Es gibt aber sicherlich auch Dinge, die ihr früher besser konntet als wir heute.
Andreas: Das kann gut sein. Wir mussten mehr improvisieren, weil professionelle Unterstützung nicht so verfügbar war, wie sie es heute ist. Und deshalb mussten wir auch öfter mal fünfe gerade sein lassen. Ging nicht anders. 

Julia: Welchen großen Moment habe ich verpasst, als ich 2001 noch nicht im Consulting war?
Andreas: Eine gute und schwierige Frage, weil jede Zeit spannend ist. Ich denke da aber auch eher in der Kategorie Lebenserfahrung. Wir mussten zum Beispiel schon viele Krisen meistern – Stichworte Internetcrash 2001 und Finanzkrise 2008/2009 – und haben so die Zuversicht gewonnen, dass wir aus Krisen stärker wieder rauskommen können – als Group. Eine Erfahrung, die die jüngere Generation gerade bei der Coronakrise macht. Leider wird das nicht die letzte große Krise sein, aber die Group hat enorme Fähigkeiten entwickelt, solche Krisen pragmatisch zu bewältigen. Wir können also optimistisch sein. Du hast nichts verpasst. Das Beste liegt immer noch vor dir.

Julia: Wie hat BCG es geschafft, gestärkt aus diesen Krisen hervorzugehen? Und warum wird BCG auch stärker aus der Coronakrise kommen?
Andreas: Wir sind in der Lage, aus einer Unzahl an Informationen das Wesentliche herauszufiltern und das dann schnell in Aktivitäten und Aktionen zu übersetzen. Außerdem gibt es bei BCG einen einzigartigen Spirit. Unser Gründer Bruce Henderson hat BCG seinerzeit an seine damaligen Mit-Partner verschenkt. Das weiß kaum noch jemand. Gegen eine lebenslange Rente – aber verschenkt. Und mit Geschenktem geht man fürsorglich um und fragt sich immer: Was würde ich tun, wenn BCG mein Unternehmen wäre? Egal ob man Partner:in oder Junior ist. Jede:r trägt dazu bei. Wenn wir diesen Spirit beibehalten und unsere intellektuellen Fähigkeiten nicht vernachlässigen, werden wir aus fast jeder Krise gestärkt hervorgehen.

Ich würde mir und auch euch immer raten, offen zu sein.
Auch für Zufälle.

Julia: Was war damals einfacher, was schwerer? 
Andreas: Damals waren wir wesentlich kleiner. Wir haben nur ein Zehntel des heutigen Umsatzes gemacht. Jede:r kannte jede:n. Es gab weniger Policies, Regeln und standardisierte Prozesse, dadurch aber auch mal etwas mehr Chaos, weil man Dinge zum allerersten Mal gemacht hat. Das habe ich genossen. Heute fasziniert mich die inhaltliche Stärke von BCG. Wie wir Themen besetzen und welche Expertise wir haben, das gab es so damals noch nicht. Mein Fazit: Es war früher weder schlechter noch besser. Jede Zeit hat ihren Reiz.

Julia: Okay, dann anders gefragt: Warum bist du zu BCG gegangen? Gab es Alternativen?
Andreas: Fast wäre ich im Investmentbanking gelandet. Das war damals für mich noch sehr attraktiv. Erst während meiner Promotion habe ich dann viel an Case-­Studies und Methodik gearbeitet und gemerkt, wie spannend es ist, Unternehmen bei Strategien und deren Umsetzung zu beobachten, zu analysieren und zu vergleichen. Das war meine Initialzündung für Unternehmensberatung. Ich bin dann zu BCG gegangen, natürlich mit der Absicht, nur zwei bis drei Jahre zu bleiben. Hat ja geklappt – fast.

Julia: Das größte Learning aus den letzten 20 Jahren – was würdest du deinem jüngeren Ich raten, wenn du heute zu BCG kommen würdest?
Andreas: Ich würde mir und auch euch immer raten, offen zu sein. Auch für Zufälle. Wenn ich überlege, was ich am Anfang meiner Karriere gemacht habe und was heute, dann liegen Welten dazwischen.

Ergreift die Chance, etwas Neues zu machen und Themen zu besetzen. Und engagiert euch in der Group. Ich war zum Beispiel in der Alumni-Betreuung, beim Recruiting und Career Development aktiv. Also, seid offen bezüglich inhaltlicher Themen und besetzt auch intern Leadership-Rollen.

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