Der Wirtschaftsprüfer ist kein reiner Bilanzenleser

Deloitte Manager Thorben Ehrlich im Gespräch über die Bewerbung und den Alltag als Wirtschaftsprüfer.

Eine Frage, die du vermutlich selbst dem einen oder anderen Bewerber gestellt hast: Wieso eine Tätigkeit in der Wirtschaftsprüfung?

WP war immer einer der Fachbereiche, die ein Unternehmen am umfassendsten durchleuchten. Dadurch lernt man wirklich alle Bereiche eines Unternehmens kennen, während man in anderen Branchen, z. B. der Unternehmensberatung, nur einzelne Bereiche kennen lernt.

Üblicherweise ist das Gehalt in der Beratung deutlich höher als in der Wirtschaftsprüfung. War das für dich kein Faktor bei der Berufswahl?

Sicherlich war das auch ein Faktor. Vor allem, als ich mich damals entscheiden musste, wohin ich mich bewerben sollte. Während meines Studiums habe ich bei einer Unternehmensberatung gearbeitet, um auch diesen Bereich kennen zu lernen. Trotz der unterschiedlichen Gehaltsstrukturen zog es mich zur Wirtschaftsprüfung, außerdem bin ich der Meinung, dass sich die Gehaltsstrukturen mit zunehmender Berufserfahrung und Position an- bzw. ausgleichen. Dies macht sich vor allem bemerkbar, wenn es Richtung Berufsexamina geht.

Mit dem Berufseinstieg in die WP-Branche hattest du bestimmt gewisse Erwartungen an den Beruf.

Da ich vorher bereits ein Praktikum im Bereich Wirtschaftsprüfung absolviert hatte, wusste ich, was mich erwartet und sah meine Erwartung beim Berufsantritt als erfüllt an. Mein Anspruch war es, umfassend in ein Unternehmen reinschauen zu können und nicht nur in einen Teilbereich.

Wird ein Praktikant wegen der großen Verantwortung bei 2nd-Tier Gesellschaften besser an den Beruf herangeführt als bei einer Big-Four-Gesellschaft?

Dieses Statement kann ich durchaus nachvollziehen. Es kommt natürlich immer darauf an, wie so ein Praktikum gestaltet wird. Bei Deloitte hat man als Praktikant die Möglichkeit, eine Prüfung umfassend begleiten zu können. Natürlich kann man im Rahmen eines Praktikums nicht an Führungs- oder Vorstandsgesprächen teilnehmen. Solche Aufgabenbereiche werden dem Partner oder auch dem Manager übertragen. Letztlich ist es aber auch die Aufgabe eines Partners bzw. Managers, das Praktikum möglichst interessant zu gestalten.

Zu meiner Praktikantenzeit stand ich vor der Entscheidung, entweder umfassend in den Bereich der Wirtschaftsprüfung und parallel dazu Steuerberatung eingeführt zu werden oder mich in einem Fachgebiet zu spezialisieren. Bei mittelständischen WP-Gesellschaften gibt es in der Regel viele Überschneidungen zwischen der Wirtschaftsprüfung und der Steuerberatung. Und da ich schon fundierte Kenntnisse im Bereich der Steuern während des Studiums gesammelt hatte, wollte ich mich auf die Wirtschaftsprüfung spezialisieren. Ein weiterer Punkt, weshalb ich mich für die Big Four entschieden habe, ist die Mandatsstruktur. Als Prüfer bei den Big Four lernt man namhafte und sehr interessante Unternehmen kennen, und diese Mandatsstruktur hat mich interessiert. Auf der anderen Seite besteht natürlich die Gefahr, dass Prüfungen so komplex und groß werden, dass nur Einblicke von Teilbereichen des Gesamtprozesses zu erhalten sind. 

Wieso Deloitte und keine andere Big-Four-Gesellschaft?

Deloitte war das Unternehmen welches meinem persönlichen Anforderungsprofil am besten entsprach. Auch wenn Deloitte in Deutschland vielleicht nicht den Großteil aller Dax-Mandate hat, sind sie international sehr gut positioniert und unter den Big Four ganz vorne dabei. Dadurch bieten sich viele Gelegenheiten, interessante Unternehmen kennen zu lernen. Und das war das Entscheidende für mich.

Woraus setzt sich ein Managergehalt zusammen und welche Einflussfaktoren gibt es auf dieses Gehalt?

Die Gehälter verhalten sich innerhalb der Big Four marktkonform. Bei Deloitte gibt es neben dem Fixgehalt einen variablen Anteil, der leistungsorientiert ausgezahlt wird und sich an der Zielerreichung im Rahmen der jährlichen Zielvereinbarungsgespräche mit dem Vorgesetzten orientiert. Wichtig sind auch die Vorbildung und die Examina, die man in dieser Position bereits abgelegt hat.

Ist der WP-Titel Voraussetzung für einen Manager bei den Big Four?

Im Allgemeinen ist dies sicher eine Voraussetzung, aber es wird immer individuell beurteilt. Im meinem Fall waren u.a. meine Erfahrungen aus der betriebswirtschaftlichen Beratung ein zusätzliches Kriterium. Dies heißt jedoch nicht, dass ich an den Berufsexamina vorbeikomme. Ich stehe zurzeit in den Vorbereitungen für meine Steuerberaterprüfung.

Also ist der Titel Wirtschaftsprüfer auch auf deiner Agenda?

Definitiv. Mit dem Bestehen der Steuerberaterprüfung hat man bereits eine Klausur für den WP-Titel abgedeckt, so dass ich die WP-Klausuren im Sommer 2011 schreiben kann.  

Nach Deinem Praktikum bei Deloitte bist du nicht direkt als Berufseinsteiger bei Deloitte eingestiegen, sondern erst einige Zeit später.

Dadurch, dass ich schon einen Kontakt zu Deloitte hatte, war die grundsätzliche Option, bei Deloitte fest einzusteigen, natürlich gegeben. Auf einer Absolventenmesse habe ich ehemalige Kollegen getroffen und meine zukünftigen Vorgesetzten aus dem Bereich internationale Wirtschaftsprüfung kennen gelernt. Hier habe ich erkannt, dass wir auf einer Wellenlänge waren. Anschließend wurde ich zu einem Gespräch mit meinem zukünftigen Partner und dem Kollegen von der Messe eingeladen. Das war ein ganz normales Bewerbungsgespräch, welches ein bis zwei Stunden dauerte. Daraufhin habe ich ein Angebot erhalten.

Also verlief der Bewerbungsprozess ohne das klassische Anschreiben und den Lebenslauf?

Glücklicherweise hatte ich diese Unterlagen auf der Messe dabei, sodass ich sie den Messestandvertretern von Deloitte direkt übermitteln konnte. Im Allgemeinen läuft eine Bewerbung jedoch klassisch über das Onlinebewerbungsportal von Deloitte. 

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Wurden Dir Fachfragen gestellt?

Es wurden auch Fachfragen gestellt, um den allgemeinen Kenntnisstand des Studiums zu erfragen. Zu der Zeit war ich auch fast fertig mit meiner Diplomarbeit, sodass man hier schon Gesprächsstoff hatte. Auch wurden mir Fragen zu typischen Bereichen des Berufs gestellt, um meinenKenntnisstand zu prüfen und zu erfahren, wo ich noch Hilfestellung benötigen würde. Ich hatte stets das Gefühl, dass die Fragen fair waren.

Wieso hast Du Dich nicht für eine andere Big-Four-Gesellschaft entschieden?

Damals hatte ich die Möglichkeit, alle Big-FourGesellschaften miteinander zu vergleichen, weil ich bei allen Bewerbungsgespräche geführt hatte und von allen vier ein Vertragsangebot bekommen habe. Somit hatte ich Einsicht in alle vertraglichen Konditionen und stellte fest, dass sich die Gesellschaften im Wesentlichen nicht voneinander unterscheiden. Das Ausschlaggebende für Deloitte waren für mich zwei Aspekte: Die bereits genannte interessante Mandatsstruktur und mein Bauchgefühl, dass mir sagte, mich zukünftig gut mit der Firmenphilosophie von Deloitte identifizieren zu können.

Was gefällt Dir gerade bei Deloitte am meisten an der Position des Managers?

Als Manager hat man die Möglichkeit Projekte eigenverantwortlich zu leiten. Man hat Führungsverantwortung und man steht imdirekten Kontakt mit seinen Mandanten, was wirklich eine spannende Angelegenheit ist.

Also hast du dich auch nie allein gelassen gefühlt.

Nein, ganz und gar nicht. Es ist tatsächlich so, dass man sich im Team gut aufgehoben fühlt. Wenn man nicht direkt eine Lösung parat hat, bzw. sich seiner Sache nicht sicher ist, hilft es oftmals, Probleme im Team zu diskutieren, um dadurch auch mal andere Sichtweisen zu bekommen.

Höhere Positionen beinhalten viel Verantwortung, und wo viel Verantwortung steckt, stecken noch mehr abgeleistete Arbeitsstunden.

Natürlich ist es in jedem Job so, dass die Arbeitsbelastung während der „Busy Season“ oder Projekten groß ist. Nichtsdestotrotz, hat man die Möglichkeit, seine Work-Life Balance aufrecht zu erhalten. Bei Deloitte gibt es ein Arbeitszeitmodell, das auf Vertrauen basiert. Wenn Projekte durchgeführt werden, muss man selbstverständlich die gesetzten Zeitziele erreichen. Wenn man allerdings nicht in einem Projekt eingebunden ist, kann man auch von zu Hause die nötigen Aufgaben bearbeiten. Man wird in diesem Modell nicht gezwungen, für acht Stunden ins Büro zu kommen. 

Was für Fähigkeiten muss ein Bewerber bei Deloitte mitbringen?

Der Bewerber muss ausgeprägte Teamfähigkeit mitbringen, er muss offen kommunizieren können, konstruktive Kritik ausüben und einstecken können und sollte kein Typ sein, der mit der so genannten „Ellenbogen-Mentalität“ Probleme löst. Auch sollte er mit Wirtschaftsprüfung, Rechnungslegung oder Controlling passende Schwerpunkte an der Universität oder der Fachhochschule belegt haben. Stichworte wie Rechnungswesen, Buchführung und Finanzierung fallen ebenso ins Gewicht. Da Deloitte auch international ausgerichtet ist – mit 169.000 Mitarbeitern weltweit – sind Englischkenntnisse aufgrund der internen Kommunikation innerhalb eines multinationalen Teams ein „must have“.

Deloitte

Auch besteht die Möglichkeit, mit internationalen Mandanten zu arbeiten. Klassischerweise werden deutsche Tochterunternehmen von internationalen Konzernen geprüft, in welchen unser Ansprechpartner dann ein Expatriate des Mutterkonzerns ist – daher ist auch hier Englisch unbedingt notwendig.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag eines Managers bei einer Big-Four-Gesellschaft aus?

Ein normaler Arbeitstag während der „Busy Season“ bringt es mit sich, viele Mandate gleichzeitig zu betreuen. Man ist nicht mehr wie ein Prüfungsassistent in den ersten Berufsjahren für längere Zeit vor Ort bei einem Mandanten, sondern es kann passieren, dass man täglich mehrere Mandantengespräche führt. Morgens checke ich grundsätzlich zuerst die E-Mails. Das können aufgrund der Zeitverschiebung schon mal einige sein. Während ich schlafe, ist bei den Japanern der Arbeitstag auf Hochtouren, sodass sich während dieser Zeit die E-Mails anhäufen können (lacht). Anschließend geht es zu den Mandaten, wo ich Reviews zu den Prüfungsergebnissen meines Teams durchführe. Somit wird jede Prüfung ein zweites Mal gecheckt, z. B. darauf, ob die richtigen Schlussfolgerungen gezogen wurden. Natürlich prüfe ich auch noch einige Positionen selber, wo ich dann durch den Wirtschaftsprüfer reviewt werde, der sich meine Zahlen noch einmal genau anschaut. Gegen Abend führe ich dann Betreuungsgespräche, da ich z. B. auch Mentor für Young Professionals bin, oder ich muss für repräsentative Zwecke noch einige Aufgaben erledigen, wie zum Beispiel für das Charity Board von Deloitte, in dem ich mich gemeinnützig engagiere.

Das hört sich danach an, als hättest Du bis zu einem gewissen Grad einen strukturierten Arbeitstag, an dem du abends auch zu Hause übernachtest.

Dies beruht vor allem auf dem Regionalprinzip von Deloitte. D.h. wenn ein Unternehmen in der Region Düsseldorf geprüft wird, dann ist der Standort Düsseldorf in diese Prüfung involviert. Gleiches gilt für München und andere Standorte. Sicherlich gibt es hin und wieder Hotelmandate, weil sich An- und Abreise nicht lohnen. Aber es stimmt, dass ich selten eine ganze Woche lang im Hotel übernachte.

Thema Headhunting, hat man es auch auf Dich abgesehen?

Durchaus. Vor der Finanzkrise erhielt ich durchschnittlich einen Anruf pro Woche. Internationale Konzerne besetzen gerne leitende Positionen mit gut ausgebildeten Leuten aus unserem Bereich. Deswegen wird dieser Beruf auch als großes Sprungbrett gesehen. Was mich betrifft, ich habe vor, die Berufsexamina zu absolvieren und der Wirtschaftsprüfungsbranche auch langfristig treu zu bleiben.

Welchen Insider-Tipp würdest du Berufseinsteigern mit auf den Weg geben?

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass das klassische Bild des Wirtschaftsprüfers so nicht mehr existiert. Der Wirtschaftsprüfer ist kein reiner Bilanzenleser. Der Beruf ist sehr kommunikativ, auf menschlicher Ebene muss man Dinge wie emotionale Intelligenz und Menschenkenntniss mitbringen, aber auch fachliche Kompetenzen sind sehr wichtig. Wer sich hierfür begeistern kann, sollte sich einen beruflichen Einblick in Form eines Praktikums oder eines Direkteinstiegs verschaffen. Deloitte kann ich deswegen empfehlen, weil es eine der größten WP-Gesellschaften weltweit ist und somit viele internationale Mandate betreut. Man erhält hier einen spannenden und umfassenden Einblick in den Beruf. Und wer auf eine offene und kommunikationsstarke Unternehmenskultur steht, ist bei uns sicherlich bestens aufgehoben.

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