Der SQUEAKER Ratgeber
Consulting-Frameworks: Ex-Interviewer gibt Insider-Tipps für dein nächstes Case Interview
Wer sich auf ein Case Interview vorbereitet, kommt an klassischen Consulting-Frameworks kaum vorbei. Frameworks sind ein grundlegendes Werkzeug im Consulting – denn sie helfen Berater:innen, Probleme strukturiert anzugehen. Entsprechend sinnvoll ist es, sich mit den bekanntesten Modellen vertraut zu machen und zu verstehen, wie sie aufgebaut sind.
Exakt das tun wir in diesem Blogbeitrag auch: Wir geben dir einen kompakten Überblick über die wichtigsten Consulting-Frameworks, die du kennen solltest.
Allerdings möchten wir zusätzlich bewusst einen Schritt weitergehen. Denn so hilfreich diese Modelle sind, in der Praxis reichen sie selten aus. Reale Problemstellungen sind zu komplex und zu individuell, um sie einfach in ein vorgefertigtes Schema zu pressen. Wirklich gute Berater:innen zeichnen sich deshalb nicht dadurch aus, dass sie Frameworks auswendig beherrschen. Es ist vielmehr eine wichtige Kompetenz, dass sie in der Lage sind, eigene Denkstrukturen zu entwickeln, passend zum jeweiligen Case.
Gero ist Mitgründer und Case Interview Coach bei Carma Consulting und ex-MBB Interviewer mit mehr als 200 durchgeführten Interviews. Bei Carma Consulting begleitet er Bewerber:innen im Consulting mit individuellem Case Coaching zu einem Offer bei führenden Unternehmensberatungen. Sein Ziel: Bewerber:innen zeigen, worauf es bei Case Interviews wirklich ankommt, damit sie ihre Ziele effizient erreichen.
Welche klassischen Consulting-Case-Frameworks sollte ich kennen?
Es gibt eine Vielzahl an Consulting-Case-Frameworks, die sich über die Jahre in Theorie und Praxis etabliert haben. Einige davon tauchen oft in abgewandelter Form im Berateralltag immer wieder auf, andere sind vor allem als Denkschablonen relevant.
Im Folgenden stellen wir dir fünf der bekanntesten Consulting-Frameworks vor. Du wirst ihnen im Arbeitsalltag gelegentlich begegnen. Vor allem aber helfen sie dir jedoch dabei, ein Verständnis für Probleme zu entwickeln. Diese Kompetenz ist die Grundlage dafür, später eigene Consulting-Frameworks zu entwickeln. Diese werden in deiner täglichen Arbeit eine deutlich größere Rolle spielen.
5Cs
Das 5C-Framework dient zur Analyse des Unternehmensumfelds und wird häufig im Marketing- und Strategiekontext eingesetzt. Es betrachtet fünf unterschiedliche Perspektiven:
- Company: Interne Stärken und Schwächen des Unternehmens
- Customers: Zielgruppen, Bedürfnisse und Kaufverhalten
- Competitors: Wettbewerber:innen und deren Positionierung
- Collaborators: Partner, Lieferanten und weitere Teilnehmer der Wertschöpfungskette
- Context: Externe Faktoren wie Markttrends oder regulatorische Einflüsse
Das Modell hilft dabei, ein umfassendes Bild der Ausgangssituation zu entwickeln. In der Praxis wird es jedoch selten in dieser reinen Form angewendet, sondern eher als gedankliche Checkliste genutzt.
Porter's Five Forces
Das von Michael E. Porter entwickelte Modell analysiert die Wettbewerbsintensität innerhalb einer Branche.
Differenziert werden dabei die folgenden fünf Einflussgrößen:
- Bedrohung durch neue Wettbewerber:innen
- Verhandlungsmacht der Lieferant:innen
- Verhandlungsmacht der Kund:innen
- Bedrohung durch Substitute
- Rivalität unter bestehenden Wettbewerber:innen
Das Ziel von Porter’s Five Forces besteht darin, die Attraktivität eines Marktes zu bewerten und strategische Handlungsspielräume zu erkennen. Allen voran im strategischen Kontext ist dieses Framework nach wie vor ein Klassiker, auch wenn es in der Praxis oft mit weiteren Analysen ergänzt werden muss.
MECE
MECE steht für „Mutually Exclusive, Collectively Exhaustive“ und ist weniger ein klassisches Consulting-Case-Study-Framework als vielmehr ein bedeutsames Denkprinzip in der Beratung.
- Mutually Exclusive: Kategorien überschneiden sich nicht
- Collectively Exhaustive: Alle relevanten Aspekte werden abgedeckt
Es geht darum, eine übersichtliche Struktur zu entwickeln. Sie darf keine Redundanzen oder Dopplungen enthalten. Gleichzeitig dürfen keine wichtigen Aspekte fehlen. MECE bildet die Grundlage für viele andere Consulting-Frameworks und ist ausschlaggebend, wenn es darum geht, eigene Strukturen zu entwickeln. In der Praxis ist das Consulting-Framework oft anspruchsvoller umzusetzen, als es auf den ersten Blick wirkt.
Ansoff-Matrix
Die Ansoff-Matrix dient zur Ableitung von Wachstumsstrategien und unterscheidet zwischen bestehenden und neuen Produkten sowie bestehenden und neuen Märkten.
Daraus ergeben sich vier strategische Optionen:
- Marktdurchdringung
- Marktentwicklung
- Produktentwicklung
- Diversifikation
Das Modell bietet eine einfache, aber wirkungsvolle Möglichkeit, Wachstumsrichtungen zu strukturieren. In der Realität werden diese Strategien jedoch selten isoliert betrachtet, sondern im Zusammenspiel mit weiteren Faktoren bewertet.
BCG-Matrix
Die BCG-Matrix (Boston Consulting Group) klassifiziert Produkte oder Geschäftsbereiche anhand von Marktwachstum und relativem Marktanteil.
Daraus ergeben sich vier Kategorien:
- Stars: Produkte oder Geschäftsbereiche mit hohem Marktwachstum und hohem Marktanteil.
- Cash Cows: Bereiche mit hohem Marktanteil in einem wenig wachsenden Markt.
- Question Marks: Produkte in wachstumsstarken Märkten, aber mit geringem Marktanteil.
- Dogs: Geschäftsbereiche mit geringem Marktanteil und geringem Wachstum.
Das Ziel ist es, Investitionsentscheidungen zu unterstützen und Ressourcen sinnvoll zu verteilen. Obwohl das Modell stark vereinfacht, liefert es nach wie vor eine hilfreiche erste Orientierung, insbesondere in der Portfolioanalyse.
Warum benötige ich maßgeschneiderte Consulting-Frameworks?
Wenn du im Case-Interview gut strukturieren kannst, hast du bereits den Schlüssel zu einem erfolgreichen Case in der Hand. Viele Bewerber:innen unterschätzen jedoch, wie wichtig das Consulting-Framework wirklich ist.
Sie sehen es nur als kurzen Zwischenschritt, bevor der „eigentliche“ Case beginnt. Entsprechend versuchen sie, möglichst schnell ein auswendig gelerntes Consulting-Case-Framework auf den vorliegenden Case anzuwenden, um danach in die Analyse einzusteigen.
Die Probleme, die führende Unternehmensberatungen für ihre Kund:innen lösen, sind aber so komplex und vielfältig. Das führt dazu, dass:
- keine fertige Schablone, die es nur noch zu implementieren gilt, ausreicht.
- kein auswendig gelerntes Set an Consulting-Frameworks der Vielfalt an Fragestellungen gerecht werden kann.
Bei der Strukturierung des Cases wird daher kein auswendig gelerntes Wissen abgefragt, sondern stattdessen eine der wichtigsten Fähigkeiten eines Beraters bzw. einer Beraterin getestet.
Beratungen möchten sehen, ob du ein neues Problem strukturiert angehen kannst.
Deshalb ist ein gutes Consulting-Framework entscheidend:
- Es ist dein erster Eindruck im Case.
- Es zeigt, wie du ein unbekanntes Problem strukturierst.
- Es dient als Roadmap für den gesamten weiteren Case.
Warum funktionieren klassische Consulting-Frameworks oft nicht?
Die meisten Bewerber:innen beginnen ihre Case-Vorbereitung mit dem Erlernen klassischer Consulting-Case-Study-Frameworks. Einige davon, wie die 5Cs und Porter’s Five Forces, hast du vorhin bereits kennengelernt.
Diese Consulting-Frameworks können tatsächlich helfen, typische Problemstellungen zu verstehen und ein Gefühl für Cases zu entwickeln. In echten Interviews zeigt sich jedoch schnell ein Problem: Für viele Cases passt keines dieser Frameworks im Consulting wirklich.
Typische Casefragen können zum Beispiel so aussehen:
- Was muss ein Dachdecker bei der Entwicklung einer Unternehmensstrategie beachten?
- Welche Kunstinstallation könnte einer Kommune helfen, mehr Touristen anzuziehen?
- Ein Pflanzenschutzhersteller erwartet den Verlust eines wichtigen Patents: Was sollte er tun?
Solche Fragestellungen lassen sich kaum sinnvoll mit einem Standard-Framework aus dem Consulting beantworten.
Weil die meisten Kandidat:innen nicht wissen, wie sie ein maßgeschneidertes Consulting-Framework erstellen können, versuchen sie oft reflexhaft, den aktuellen Case mit ihren früheren Cases zu vergleichen. Sie hoffen darauf, ein passendes Consulting-Case-Framework für den aktuellen Case zu finden.
Das führt jedoch zu einem grundlegenden Problem. Du kannst entweder versuchen, dich an ein Consulting-Framework zu erinnern. Oder du kannst den Case durchdenken. Beides sind grundsätzlich verschiedene kognitive Aktivitäten. Und im Interview geht es genau um Letzteres: Das Durchdenken des Cases.
Was macht ein gutes Consulting-Case-Framework wirklich aus?
Viele Kandidat:innen missverstehen die Aufgabe des Frameworks. Sie formulieren ihr Framework mit sogenannten „Buckets“:
- „In diesem Bucket würde ich mir die Kund:innen anschauen.“
- „Hier würde ich den Wettbewerb analysieren.“
Solche Aussagen zeigen kaum Problemlösungsfähigkeit. Sie beschreiben lediglich, welche Themen du dir anschauen möchtest. Allerdings erklärst du nicht, welche Rolle diese Themen für die Lösung der Casefrage spielen.
Ein gutes Consulting-Framework ist stattdessen das logische Herunterbrechen der Casefrage. Zudem besteht ein gutes Consulting-Framework aus klar formulierten Antworten auf die Casefrage, nicht aus vagen Themenbereichen.
Wie sehen mögliche Antwortstrukturen eines Consulting-Frameworks auf Casefragen aus?
Im Folgenden zeigen wir dir beispielhaft, wie einfache, aber strukturierte Antwortlogiken für typische Casefragen aussehen können. Es geht dabei weniger um ein klassisches Consulting-Framework, sondern um eine saubere Herleitung der Lösung.
Casefrage: Wie kann ein Unternehmen seinen Umsatz steigern?
Mögliche Struktur:
- Umsatzhebel 1
- Umsatzhebel 2
- Umsatzhebel 3
Casefrage: Soll ein Unternehmen einen Wettbewerber übernehmen?
Mögliche Struktur:
- Entscheidungskriterium 1
- Entscheidungskriterium 2
- Entscheidungskriterium 3
Der entscheidende Unterschied: Ein gutes Framework strukturiert die Lösung des Problems, anstatt nur die Arbeit des Beraters bzw. der Beraterin zu organisieren.
Wie entwickelt man ein gutes Consulting-Framework?
Viele Kandidat:innen stellen sich an dieser Stelle eine praktische Frage: Wie entwickle ich in den wenigen Minuten im Interview überhaupt ein gutes Consulting-Case-Framework? Am besten lässt sich das an einem konkreten Beispiel zeigen.
Beispiel: Absatzproblem eines Erfinders
„Ein Erfinder hat eine neue Maschine entwickelt. Er verkauft jedoch deutlich weniger Maschinen als erwartet. Der Kunde fragt: Warum verkauft sich die Maschine schlechter als erwartet?“
Viele Kandidat:innen versuchen nun sofort, passende Top-Level-Kategorien zu finden. Doch bei solchen ungewöhnlichen Cases fällt das oft schwer. Und ein auswendig gelerntes Consulting-Framework anzuwenden ist, wie schon beschrieben, keine Option.
Ein flexiblerer Ansatz besteht darin, mit einer konkreten Idee zu beginnen. So könnte ein erster Gedanke wie folgt lauten:
„Vielleicht ist die Maschine zu teuer.“
- Wenn der Preis zu hoch ist, würden Kund:innen die Maschine nicht kaufen.
- Dann kannst du überlegen, wie genau ein zu hoher Preis dazu führen kann, dass sich die Maschine schlechter verkauft als erwartet.
- Du erkennst, dass ein zu hoher Preis dazu führt, dass Kund:innen die Maschine nicht kaufen wollen – was die Nachfrage nach der Maschine senkt.
- Dein Consulting-Case-Study-Framework sieht jetzt also so aus:
- Jetzt kannst du überlegen, welche weiteren Faktoren außer einem hohen Preis noch dazu führen können, dass Kund:innen die Maschine nicht kaufen wollen.
- Hier kommt dir eventuell in den Sinn, dass neben dem Preis auch die Leistung der Maschine relevant ist (Preis-Leistungs-Verhältnis).
- Bei der Leistung der Maschine kannst du prüfen, ob sie qualitativ (Erzeugnisse verwendbar?) und quantitativ (Produktionsmenge ausreichend?) das erfüllt, was Kund:innen benötigen.
Merke: Es gibt nicht „die eine“ richtige Antwort!
Alternativ kannst du auch die Leistungsfähigkeit der Maschine an sich und daneben die Realisierung der Leistungsfähigkeit im Produktionssetting der Kund:innen betrachten. Lässt sich die Maschine bedienen und in die bestehenden Anlagen einfügen?
Oft gibt es mehrere gute Ansätze, ein Problem zu strukturieren.
- Nun kannst du außerdem überlegen, welche weiteren Gründe es neben „Kund:innen wollen die Maschine nicht kaufen“ für eine geringe Nachfrage noch geben könnte.
- Es könnte sein, dass Kund:innen die Maschine gar nicht erst kennen.
- Es ist denkbar, dass Kund:innen zwar kaufen wollen, es aber aus rechtlichen Gründen nicht dürfen. Das kann beispielsweise an einer fehlenden Lizenz liegen.
- Dein Consulting-Case-Framework sieht jetzt also so aus:
- Jetzt willst du sicherstellen, dass du keine grundsätzlichen Problemursachen übersehen hast.
- Deine bisherigen Ideen lassen sich zusammenfassen als: nachfrageseitige Probleme.
- Als Nächstes stellst du dir die Frage: “Vielleicht liegt das Problem gar nicht an der Nachfrage, sondern an der Angebotsseite?”.
- Mögliche Ursachen könnten hier zum Beispiel entlang der Wertschöpfungskette identifiziert werden. Schaue dir die Produktion, den Vertrieb und die Lieferkette (Einkauf und Logistik) genauer an.
- Und zuletzt erkennst du, dass sowohl die nachfrage- als auch die angebotsseitigen möglichen Probleme gemeinsam haben, dass tatsächlich ein überraschend geringer Absatz der Maschinen vorliegt. Daneben besteht aber auch die Möglichkeit, dass die Erwartungen des Erfinders von vornherein unrealistisch waren.
- Dein finales Consulting-Case-Framework sieht jetzt wie folgt aus:
- Dieses Consulting-Case-Framework deckt die möglichen Ursachen des Absatzproblems systematisch ab. Außerdem zeigst du deinem Gegenüber im Interview eindeutig, dass du das konkrete Problem strukturiert heruntergebrochen hast. Damit stellst du dein Problemlösungsfähigkeiten unter Beweis. Der Interviewer bzw. die Interviewerin wird sich folglich denken: „Das war kein Glück. Der Kandidat bzw. die Kandidatin kann auch andere Problemstellungen im Rahmen seiner bzw. ihrer Arbeit strukturiert angehen.“
Was kann ich aus diesem Beispiel zur Entwicklung eines individuellen Consulting-Frameworks mitnehmen?
Vielleicht ist dir aufgefallen, dass dieses Consulting-Framework nicht klassisch top-down entstanden ist. Viele Kandidat:innen versuchen, sofort perfekte Kategorien zu finden. Wenn ihnen diese nicht einfallen, geraten sie im Interview schnell unter Druck. Dann versuchen sie oft notgedrungen, ein Consulting-Case-Framework aus der Erinnerung wieder zum Leben zu erwecken.
In der Praxis funktioniert es allerdings oft gut, zunächst mit konkreten Ideen zu beginnen und daraus Schritt für Schritt eine Struktur zu entwickeln.
Du kannst zum Beispiel:
- mit einer ersten Hypothese starten,
- überlegen, welche übergeordnete Kategorie dahinter steht,
- ähnliche Ideen zusammenfassen,
- daraus eine saubere Struktur ableiten.
Die gute Nachricht: Du musst nicht unfassbar kreativ sein.
Eine einzige Idee zur Beantwortung der Frage reicht aus, um von dieser ausgehend durch weitere Strukturierung das gesamte Consulting-Framework zu entwickeln.
Die Praxis zeigt, wie auch vermeintlich weniger kreative Kandidat:innen durch systematisches Strukturieren souverän alle Aspekte eines Cases erschließen können.
Dagegen führt reine Kreativität ohne Struktur oft dazu, dass ein Ansatz beliebig und nicht logisch konsistent ist.
Merke: Du kannst einen Case auch bottom-up strukturieren!
Top-down und bottom-up Strukturierung führen beide zum gleichen Ergebnis. Entscheidend ist nicht, wie du zu deinem Consulting-Framework gelangst. Wichtig ist das Ergebnis. Es muss logisch aufgebaut sein, die Casefrage beantwortet und alle relevanten Aspekte abdeckt.
Fazit: Was macht ein gutes Consulting-Framework aus?
Ein gutes Consulting-Framework ist kein auswendig gelerntes Schema. Es ist das Ergebnis eines klaren Denkprozesses. Dabei kannst du den Case sowohl top-down als auch bottom-up strukturieren.
Wer lernt, wie ein Berater bzw. eine Beraterin zu denken, kann jeden Case strukturiert angehen. Und das ganz ohne auswendig gelernte Frameworks aus dem Consulting.
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