Digitales Consulting boomt. Am Ende werden die Beratungen gewinnen, die ihre interne Digitalisierungsagenda mit einem zeitgemäßen Angebot für Unternehmen kombinieren. Aktuelle Digital Cases zeigen, wie das aussehen kann.

Viele Berater und Wirtschaftsprüfer haben in den letzten Jahren ihre eigenen digitalen Segmente entwickelt – als externe Auskopplungen oder interne Start-ups. Auch für die großen Beratungen ist es unerlässlich, mit dem schnellen Tempo der Digitalisierung mitzuhalten. Denn im Consulting ist sie Mittel und Zweck zugleich: Digitalisierung ist in der Branche als Thema angekommen, gleichzeitig transformiert sie die Branche selbst.

Klar ist: In Zukunft lassen sich größere Wachstumssprünge nur durch den Ausbau von Digitalisierungsprojekten erreichen. Eine zentrale Herausforderung ist es, auf die Implementierung von Zusatzleistungen zu setzen. Das verändert auch die nötigen Skills von Consultants. „Beratung ist und bleibt ein People Business. Dennoch hat Digitalisierung schon jetzt einen prägenden Einfluss auf die Branche“, sagt Melanie Mannhart, Senior Consultant, thyssenkrupp Management Consulting. „Zukünftig werden sich nicht nur unsere Aufgabenbereiche zum Teil verlagern, sondern sich auch neue Marktfelder für uns öffnen. Bei TKMC vertiefen wir beispielsweise unsere Kenntnis bei Data Analytics und Process Mining.“ 

Was kommt 2019 auf die Consulting-Branche zu?

Natürlich wird auch der aktuelle Digitalisierungs-Boom im Consulting irgendwann enden. Aber ein Berater wäre kein Berater, wenn er keine Strategie bereithält – wenigstens für sich selbst. Auch das Consulting ist auf den großen Futtertrog der Gesamtwirtschaft angewiesen und da lassen gesenkte Gewinnprognosen bei den Dax-Größen das Wachstumsfeuer derzeit etwas blass erscheinen. Also sollte man jetzt mitnehmen, was nur irgendwie geht? Bianka Knoblach von der WGMB rät den Beratern, sich nicht „zu verzetteln und Randthemen zu bearbeiten“. Sei es Konsolidierung oder Themenwechsel, selbst Krisen können dem Berater in die Hände spielen. Zu Zeiten der Verunsicherung – durch digitale Herausforderungen, Disruption, Brexit oder politischer Schieflagen – holt sich manches Unternehmen gern die Arbeit einer führungsstarken, soliden Beratung ins Haus. 

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Traditionshäuser rüsten digital auf

Die großen Beratungen haben das Thema Digitalisierung in ihr Big Picture integriert: Die Boston Consulting Group hat sich zum Themenspektrum Advanced Analytics unter BCG Gamma positioniert. Unter BCG Digital Ventures wird eine Plattform für Frühphasen-Ventures aufgebaut, um gemeinsam mit internationalen Konzernen neue Unternehmen zu entwickeln, zu launchen, zu skalieren und in sie zu investieren. Auch McKinsey & Company expandiert und unterhält weltweit Digital Labs, die sich aus Beratern, IT Experten, Software-Architekten, UX Designern oder agilen Coaches zusammensetzen. 

Big4 auf Einkaufstour

Auch die Wirtschaftsprüfer preschen unvermindert in den Beratungsmarkt, der langfristig höhere Margen als das klassische Prüfungs- und Steuergeschäft verspricht: Deloitte mit der Gründung von Deloitte Digital und dem Deloitte Analytics Institute oder PwC mit seinem Experience Center. EY hat den Digitalberater Etventure gekauft. KPMG setzt mit seinem Insights Center auf Big Data und hat Kiana Systems übernommen, Spinn-off des Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz. Accenture setzt nach dem Kauf der Digitalagentur SinnerSchrader verstärkt auf das Thema Customer Experience. Die große Werbeagentur Kolle Rebbe wird im Digitalarm Accenture Interactive angesiedelt.

Aktuelle Digital Cases der Big Player

  • Beispiele aus der Praxis zeigen, wie digitale Cases heute aussehen können – und wofür die besonderen Skills der (neuen) Experten nötig sind: PwC hat die Schwedische Staatsbahn SJ – ein über 160 Jahre altes Traditionsunternehmen – bei der digitalen Transformation begleitet. Die Herausforderung: Der Markt musste plötzlich mit einem Konkurrenten geteilt werden, gleichzeitig sanken Profitabilität und Kundenzufriedenheit. Ein Lösungsansatz: Gesammelte Daten flossen in eine effektive Unternehmensstrategie und -kultur ein, dazu kamen Brand-Politur und neues Ticket-System. Die Mittel waren z.B. eine App, digitale Dashboards im Management und ein Beta-Waggon zum Experimentieren.
  • Auch die Bürokratie von Vancouver hat PwC ins aktuelle Zeitalter begleitet. PwC strukturierte die Verwaltungs- und Aufgabenbereiche neu und lud alle Bürger und Unternehmer ein, die neue digitale Infrastruktur mit zu entwerfen, inklusive Crowd-Aufgaben für die Bevölkerung. Aus mehreren hundert Ideen wurden neun ausgewählt und zur Digitalstrategie verschmolzen. Heute können die Einwohner ihre Behördengänge online oder per App erledigen. 
  • Ein weiterer Case aus dem Hause PwC: NCC, einer der größten Projektentwickler Europas, brauchte Beratung bei der umfangreichen Auskopplung seines Wohnungsbaugeschäfts: Neue Brand-Identität, acht Märkte gleichzeitig, in acht Monaten und bitte Nasdaq-gelistet. Die Hürde lag in der Erfassung der Stimmung in mehreren Märkten auf einen Schlag und zu einem Datum – und darin, das Image vom Baulöwen gegen den freundlichen „Homebuilder“ zu tauschen. Das Team dafür bestand aus Mitgliedern der acht Zielländer, schärfte unter anderem die optisch-physische CI-Präsenz und entwarf eine Web-Plattform, die sich stetig weiterentwickelt und gleichzeitig Vertrauen schafft.

Simon Kucher

Auch die Wettbewerber stemmen Großprojekte

Auch bei Simon-Kucher & Partners zeigt sich die Digitalisierung im Beratungsalltag – vor allem in der Zusammenarbeit mit modernen Erfolgsunternehmen wie Uber. Obwohl der Kern der Consultingarbeit ähnlich bleibe, werde dieser anders umgesetzt. „Die Arbeit wird in Sprints statt in langen Projekten erledigt, außerdem müssen wir agiler sein, wenn wir an Probleme herangehen“, sagt Madhavan Ramanujam, Partner und Board Member bei Simon-Kucher & Partners. Bei Uber war das Beratungsunternehmen am Launch des Loyalty-Programms „Uber Rewards“ beteiligt. Gemeinsam mit Uber hat Simon-Kucher zunächst herausgefunden, welche Belohnungen bei den Kunden gut ankommen, im Anschluss ein Punktesystem entworfen und den Launch begleitet. Jetzt ist das Programm in allen US-Bundesstaaten verfügbar.  

Digitale Tools im Berater-Alltag

Die Digitalisierung verändert auch den Arbeitsalltag von Beratern: Die Zusammenarbeit wird durch Sharing-Dienste optimiert, wodurch viele Arbeitsschritte schneller, effizienter und flexibler werden. Teams kommunizieren digital und meistens von verschiedenen Orten aus: Berater halten per Videokonferenz problemlos Rücksprache mit ihrem Projektleiter, der gerade im Home-Office ist, während andere ihr Brainstorming auf die sonnige Terrasse verlagert haben. Digitale Projektmanagement-Software unterstützt die Organisation von Tasks, es gibt Plattformen für interne soziale Netzwerke, teilweise läuft die Kommunikation direkt über WhatsApp. Tools, die noch weiter gehen, sind in Entwicklung: Künstliche Intelligenz soll Analysen automatisieren, Algorithmen könnten bald vorhersagen, wie sich Verzögerungen in einzelnen Abschnitten auf das gesamte Projektergebnis auswirken – und frühzeitig eine Warnung abgeben, falls der fristgerechte Erfolg in Gefahr ist.

Digitale-Tools-im-Berater-Alltag

Dass die großen Consultinghäuser so viel Power in digitale Projekte stecken, ist nicht verwunderlich: Wie alle Beratungen müssen auch die Big Player beweisen, dass sie gebraucht werden. Denn mit jedem Tag betreten neue Ex-Berater und On-Demand-Experten den Markt, lernen Freelancer-Netzwerke neue Skills und kommen neue Insights-Tools dazu, die sich direkt aufs Smartphone laden lassen. Kurz gesagt: Die Disruption im Consulting ist im vollen Gange. Das spüren auch Berufseinsteiger. 

Ein Recruiter hat auf einem squeaker.net-Event die Frage eines Bewerbers verraten, die ihn vor kurzer Zeit zum Nachdenken gebracht hat: „Welche Rolle haben zukünftig Strategieberater, wenn sie im gleichen Hause auch Implementierungsleistungen und digitale Services, wie zum Beispiel Data Analytics, anbieten? Werden sie zu einer Art Super Salesforce und Koordinationsstelle, die einen komplexen Blumenstrauß an Fachexperten und Diensten für den Kunden bündeln?“ Der Bewerber konnte mit dieser Frage punkten: Sie demonstrierte sein Verständnis vom Wandel in der Beratungswelt. Sie zeigt aber auch, dass sich viele große Beratungen durch Akquisitionen und den Aufbau neuer Services für einen Umbruch in ihrer Industrie wappnen müssen – umso die Disruptionsgefahr in eine neue Chance umzuwandeln.

So arbeiten Berater 2019

  • Ein Trend der 2000er war die Entwicklung hin zu mehr Implementierung, nachdem die Beratungen bis dahin vor allem auf Strategie fokussiert waren. Früher erstellten die traditionellen Strategieberatungen wie McKinsey und BCG hauptsächlich Konzepte. Implementierungsprojekte verband man typischerweise mit den Big Four, also dem Beratungszweig der Wirtschaftsprüfungen von DeloitteEYKPMG und PwC sowie Technologieberatungen wie Accenture
  • Doch die Anspruchshaltung der Kunden ist gewachsen: Was nützt ein schönes Konzept auf Papier, wenn dieses nicht implementiert wird? An die Erwartung der Kunden, dass Konzepte auch umgesetzt werden sollten, haben sich die meisten Beratungen angepasst – aber es stellt sie vor neue Herausforderungen. 
  • „Unsere Kunden suchen verstärkt einen Partner, der parallel zu Konzeptentwicklung, Detaillierung und Umsetzung die Materialisierung der Digitalisierungsmaßnahmen im Unternehmen sicherstellen kann“, sagt Jan Domhardt, Senior Consultant bei thyssenkrupp Management Consulting. „Daher werden zum einen Hard Skills, wie z.B. Data Analytics und Coding, zum anderen fundamentales Digitalisierungswissen bezüglich innovativer Technologien, neuer digitaler Geschäftsmodelle und smart People Management an Bedeutung und Wert gewinnen.“ 
  • Berater müssen also nicht nur Strategien entwickeln, sondern die Ideen am besten bis zur Implementierung begleiten. In einer idealen Welt durschauen sie Logistik, Finanzen und Produktion komplett – können sogar die nötige App selbst programmieren. So wäre sichergestellt, dass Consultants wirklich alle Schritte erkennen und verantworten können: Aber wer besitzt all diese Fähigkeiten? 
  • Einige Beratungen schulen ihre Consultants gezielt in Bereichen wie künstlicher Intelligenz oder Programmierung, um die Implementierung begleiten zu können. Zusätzlich sind viele Dienstleister involviert, was den Koordinationsaufwand erhöht. Hilfreich ist es, wenn man im eigenen Netzwerk oder in Tochtergesellschaften Spezialisten sitzen hat – und darum bemühen sich jetzt die Beratungen.

Neue Aufgaben für angehende Berater

Die Herausforderungen sind also immens. Langfristig werden die Beratungen gewinnen, die ihre interne Digitalisierungsagenda am besten und glaubhaft mit einem attraktiven Beratungsangebot kombinieren – und Kunden so wirksam und nachhaltig bei der Reise ins digitale Zeitalter unterstützen. Denn die immer professioneller agierenden Einkaufsabteilungen der Beratungskunden hinterfragen kritischer denn je, ob die antretenden Beraterteams den richtigen Skill-Mix und das geforderte Technologieverständnis mitbringen. Einzelinterviews mit jedem vorgeschlagenen Teammitglied im Vorfeld einer Projektvergabe sind mittlerweile keine Seltenheit mehr. 

Was das für einzelne Berater bedeutet? Am besten schon als Einsteiger darauf achten, sich gründlich vor dem ersten Termin vorzubereiten. Das LinkedIn-Profil sollte alle relevanten Stichwörter enthalten – und die sollte man im Case Interview mit Kunden mit Wissen und Fakten füllen können. Scott Pender, Expert Operations and Technology Development bei thyssenkrupp Management Consulting, bestätigt, dass vor allem „hybride“ Berater hervorragende Karriere-Chancen haben. „Darunter verstehen wir Berater, die das klassische Beratungs-Know-how mit sehr guten analytischen Fähigkeiten, Strukturiertheit und Kommunikationsgeschick und gleichzeitig ein Digitalisierungsskillset mitbringen.“

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